Kindliche Neugier, Schrecken und Rührung

16. Oktober 2014, 17:38
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Bruno Dumont hat eine aufregende TV-Miniserie gedreht: Ausgehend von einem gruseligen Leichenfund entwirft "P'tit Quinquin" eine durchaus komische Milieustudie am gesellschaftlichen Rand Nordfrankreichs

P'tit Quinquin gehört ohne Frage zum Außergewöhnlichsten, was man in diesem Jahr im Kino und im Fernsehen sehen kann. Regisseur Bruno Dumont hat im Auftrag von Arte einen Vierteiler gedreht; die Laufzeit beträgt 200 Minuten, angesiedelt ist die Geschichte im Norden Frankreichs, in einer Ortschaft an der Côte d'Opale, und ausgestattet ist sie mit vielem, was eine Krimiserie braucht:

In den ersten Szenen gibt es einen gruseligen Leichenfund (Teile einer Frau stecken im Körper einer toten Kuh), und daran knüpft sich naheliegenderweise die Frage nach der Täterschaft, das Whodunit. Ein Ermittlerduo nimmt den Fundort, einen alten Bunker, in Augenschein, tauscht sich mit dem Gerichtsmediziner aus, befragt Zeugen, schöpft hier und dort Verdacht.

P'tit Quinquin hat viele Szenen, die man tausendmal gesehen zu haben meint. Ein Polizeiauto kommt an einem Tatort an, die Ermittler steigen aus, diejenigen, die die Spuren sichern, sind bereits am Werk. Trotzdem ist bei Dumont nichts so, wie man es kennt oder erwartet, denn der Regisseur verschiebt die Standardsituationen des Kriminalfilms um ein paar Zentimeter. Allein die Art und Weise, wie Lieutenant Carpentier (Philippe Jore) mit dem Polizeiwagen umgeht, ist bezeichnend. Bevor er abfährt, dreht er auf kiesigem Untergrund Runden mit angezogener Handbremse, er bremst zu spät und zu scharf, beschleunigt zu sehr, und am allerliebsten hat er es, wenn sich die rechte Seite des Wagens in die Luft hebt und er nur mit den zwei Rädern der linken Seite Kontakt zur Straße hält.

Wer sich P'tit Quinquin über das bisherige OEuvre von Dumont, über Filme wie L'humanité oder Hors Satan nähert, wird manches wiedererkennen: die raue Küstenlandschaft, die weiten Himmel, das hohe Gras der windgezausten Wiesen, die Laiendarsteller, die der Regisseur unter Langzeitarbeitslosen und Zeitarbeitern castet, eine Affinität für Formen des Ausdrucks, die nicht intelligibel sind, jäh einbrechende, unerklärte Gewalt, die wiederkehrende Frage nach der Natur des Bösen.

Motivisch ist P'tit Quinquin also dicht dran an vorangegangenen Filmen, sogar zum Period-Piece Camille Claudel 1915 lassen sich Bezüge finden; zugleich macht sich auch hier eine Verschiebung bemerkbar. War die Komik in den vorherigen Filmen so gut versteckt, dass man sie entweder gar nicht erst wahrnahm oder, wenn doch, sie für unfreiwillig hielt, dann bricht sie sich hier auf eine überaus spezielle Weise Bahn.

Das schlagendste Beispiel dafür ist die Mimik und die Gestik von Commandant Van der Weyden (Bernard Pruvost, im Leben jenseits von P'tit Quinquin ein Gärtner ohne feste Anstellung), dessen Augenrollen, dessen Gesichtszuckungen, dessen seltsame Art zu gehen für sich schon ein Spektakel sind.

Dadurch, dass man dieses Spektakel wieder und wieder sieht, wird es noch bizarrer, und man weiß nie, ob sich der Commandant mit Absicht dumm stellt, ob er ein Einfaltspinsel ist oder doch ein "idiot savant". Hinter Van der Weydens dümmlichem Räsonieren und seinen Tics könnte sich eine eigene Klugheit verbergen, eine höhere Einsicht in das Gefüge der Welt, die gewöhnlicher Ratio nicht zugänglich ist.

Quinquin und seine Clique

Als Kontrapunkt zu Polizisten und Ermittlungen dienen Dumont Quinquin (Alane Delhaye) und seine Clique. Der Bauernsohn, vielleicht elf Jahre alt, radelt mit seiner Freundin Eve (Lucy Caron) und zwei anderen Jungs aus dem Dorf über Landstraßen und Feldwege; in Bunkern am Strand suchen sie nach alten Granaten und Patronen, manchmal nehmen sie ein vorsichtiges Bad im kalten Meer, oder sie lassen Chinaböller krachen, den afrofranzösischen Nachbarskindern drohen sie Prügel an, einmal erforschen sie den abgesperrten Tatort.

Immer wieder gibt es Einstellungen, in denen sie einfach nur in der flachen Landschaft herumstehen und auf etwas schauen, was jenseits des Bildrandes liegt. Ihr Blick hat dann etwas Undurchdringliches; kindliche Neugier, Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der anderen, aber auch Schrecken, Entsetzen und Rührung fließen darin zusammen. Was sie denken, bleibt so opak wie Dumonts Film. Und das, obwohl die Sommersonne die meiste Zeit über für helles, fast gleißendes Licht sorgt. (Cristina Nord, DER STANDARD, 17.10.2014)

25. 10., Gartenbau, 23.00 (Gratisscreening); 6. 11., 13.00 & 15.00

  • Der Titelheld von Bruno Dumonts TV-Serie "P'tit Quinquin" (Alane Delhaye) und seine Freundin Eve (Lucy Caron) halten die Augen rund um die Ermittlungen in einem Kriminalfall offen.

    Der Titelheld von Bruno Dumonts TV-Serie "P'tit Quinquin" (Alane Delhaye) und seine Freundin Eve (Lucy Caron) halten die Augen rund um die Ermittlungen in einem Kriminalfall offen.


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