Betrugsprozess in Wien: Luxusreisen und Fensterkitt

17. Oktober 2014, 05:30
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Ein 28-jähriger Jungunternehmer soll über seine Verhältnisse gelebt und das mit Darlehen von Bekannten finanziert haben. Betrug sei das aber nicht gewesen, sagt er

Wien - Niko P. hat ein wenig Pech, dass Olivia-Nina Frigo die Vorsitzende des Schöffensenats ist, der darüber entscheiden muss, ob der 28-Jährige ein Betrüger ist. Denn Frigo hat familienbedingtes Hintergrundwissen über die Tourismusbranche, in der der junge Mann reüssieren wollte, aber nicht konnte. Und glaubt ihm daher nicht alles, was er sagt.

Fast 50.000 Euro soll er Bekannten zwischen 2010 und 2012 herausgelockt haben, obwohl er wusste, dass er die Summen nie zurückzahlen könne, wirft ihm Staatsanwältin Tina Liebich-Oswald vor. Der Angeklagte leugnet das: Er hatte nie eine Schädigungsabsicht, überhaupt waren das immer unbefristete, zinsenlose Darlehen.

Das Geld ging für Diverses drauf. Einerseits waren er und sein Lebensgefährte teilweise so klamm, dass sie nicht einmal mehr die Miete bezahlen konnten – 6000 Euro borgte man sich dafür bei einer Bekannten. 6600 Euro waren einmal nötig, um einen Mitbewohner auszuzahlen, damit dieser auszog.

Einen Monat quer durch die USA

Aber auch Angenehmeres wurde finanziert. Mehr als 17.000 Euro zahlte die Ziehmutter seines Partners diesem und dem Angeklagten für eine einmonatige Reise quer durch die USA, an der sie ebenfalls teilnahm.

Der größte Brocken sind die 25.000 Euro, die eine Bekannte als Bankkredit aufnahm und ihm in bar übergab. Damit habe er in der Selbstständigkeit "durchstarten" wollen, wie P. betont. Eine Eventmarketingagentur, kombiniert mit einem Reisebüro für das Luxussegment, sollte es werden. Wurde es aber nie.

Der eloquente junge Mann gibt zwar zu, "ein wenig ein Schlendrian" zu sein. Aber er habe nie jemanden betrügen wollen. Beispiel USA-Reise: "Ich hatte bei der Buchung das Geld. Aber kurz vorher ist mir ein großer Kunde abgesprungen, da hatte ich schon Vorauszahlungen leisten müssen."

Um genauer zu sein: Eineinhalb Tage vor Reiseantritt sagte er der Ziehmutter seines Partners, dass kein Geld da sei. Die zahlte, bisher erhielt sie 1700 Euro zurück.

Vorsitzende mit Insiderwissen

Warum die Reise so wichtig gewesen sei, will Frigo wissen. "Wissen Sie, wenn man in der Reisebranche arbeitet, muss man auch wissen, wovon man spricht", erklärt er. "Also bitte, es gibt aber auch Einladungen der Veranstalter, und man muss nicht wirklich an jeder Destination gewesen sein, um sie verkaufen zu können", demonstriert die Vorsitzende Fachwissen.

Langsam kristallisiert sich heraus, dass der damals als Eventmarketer selbstständige P. ein wenig sehr optimistisch kalkulierte. "Wie viel haben Sie da denn verdient?", fragt Frigo. "Unterschiedlich. 1000 bis 3000 Euro, manchmal auch 10.000."

Das Problem: Die 10.000 Euro scheinen eher die Ausnahme gewesen zu sein. Allein die reine Miete für Büro und Wohnung machte schon 1000 Euro aus. "Ich kann rechnen", sagt Frigo. "Und Ihre Rechnung geht nicht auf."

29 Jahre lang Rückzahlung

Die Reisegeldgeberin berichtet als Zeugin von einem Ratenangebot des Angeklagten. Mit 50 Euro im Monat habe er seine Schulden abstottern wollen. Was etwas mehr als 29 Jahre gedauert hätte. Dass sie die Summe aber ohne konkretes Fälligkeitsdatum verliehen hatte, bestätigt sie.

Die Wende sollte das Eventmarketing/Reisebüro-Konzept bringen. Die junge Bekannte, die ihm dafür die 25.000 Euro gab, hätte in das Geschäft einsteigen sollen, sobald sie ihren Job gekündigt hatte.

"Was ist mit dem Geld passiert?", fragt Anklägerin Liebich-Oswald. Sei alles in das "eher luxuriöse Büro" investiert worden. Das gab es tatsächlich, warum das Geschäft nie startete, bleibt offen.

Er habe sich wirklich dahintergeklemmt: "Meine eigene Gesundheit ist auf der Strecke geblieben. Gerade, dass ich keinen Fensterkitt gegessen habe", beteuert er.

Keine schriftliche Vereinbarung

Die Geldgeberin berichtet, er habe ihr gesagt, mit dem Geld würden zunächst Altschulden beglichen. Dass es gescheiter gewesen wäre, auch eine schriftliche Vereinbarung über das Darlehen abzuschließen, weiß sie jetzt übrigens auch.

Irgendwann war P. erst kaum, dann gar nicht mehr erreichbar. Dass er vier Monate lang nicht gemeldet war, sei aber ein Versehen gewesen, beteuert er. Dass Gericht und Polizei ihn suchten, sei ihm nicht bewusst gewesen. "Es war ein bisschen eine Vogel-Strauß-Politik", gibt er zu.

Nach 20 Minuten Beratung verurteilt das Gericht den Unbescholtenen rechtskräftig zu sechs Monaten bedingter Haft. Übrig geblieben ist nur die Sache mit den 25.000 Euro. "Da haben Sie nämlich schon gewusst, dass Sie es nicht mehr bezahlen können", begründet Frigo.

Bei den anderen Darlehen gesteht sie ihm zu, dass er wirklich geglaubt habe, es könne sich ausgehen, zusätzlich habe ja auch sein Partner von dem Geld profitiert. Und die Gläubiger hätten das Geld tatsächlich ohne Bedingungen verborgt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 17.10.2014)

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