Forscher untersuchten archäologischen Arbeitsmarkt in Österreich

16. Oktober 2014, 12:54
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Deutlicher Zuwachs an Arbeitsplätzen in vergangenen fünf Jahren bei sinkenden Gehältern und zunehmender Prekarisierung

Wien - Archäologie stellt in Europa einen beachtlichen Wirtschaftsfaktor, allein in Österreich werden durch archäologische Arbeiten jährlich rund 55 Mio. Euro umgesetzt, wie eine aktuelle EU-Studie zeigt. Überraschend sei demnach der Zuwachs an Beschäftigten im archäologischen Bereich seit 2008 auf rund 1.600 bei gleichzeitiger Verschlechterung der Areitsbedingungen, so das Fazit.

Im Rahmen der EU-Studie "Discovering the Archaeologists of Europe" wurde die Situation am Arbeitsmarkt in 21 europäischen Staaten untersucht. Die Ergebnisse für Österreich stellte Studienautor Raimund Karl, Professor für Archäologe an der Universität Wien und der Bangor University in Großbritannien, am Mittwochabend in Wien vor.

Zuwachs durch freien Markt

Positive Entwicklungen habe wie zu erwarten die Liberalisierung des Grabungsmarkts mit sich gebracht. Bis 2010 wurden Rettungsgrabungen von im Zuge von Baumaßnahmen entdeckten archäologischen Funden vorwiegend durch das Bundesdenkmalamt durchgeführt. Mittlerweile ist ein freier Markt für archäologische Dienstleistungen entstanden, der laut Karl in den vergangenen fünf Jahren zu einem Zuwachs an Arbeitsplätzen im Bereich Archäologie von etwa 30 Prozent geführt hat.

"Das geht komplett gegen den europäischen Trend", so Karl. Vor allem durch die Wirtschaftskrise gebe es in den meisten anderen Ländern heute weniger Archäologen als vor fünf Jahren, in Großbritannien betrage der Rückgang 30 Prozent, in Irland sogar 80 Prozent.

Prekäre Dienstverhältnisse

Zum Befragungszeitpunkt im Juni 2013 verdienten etwa 1.600 Personen (49 Prozent Frauen) in Österreich ihren Lebensunterhalt mit archäologischer Arbeit. Davon waren etwa 1.200 im engeren Sinn archäologisch tätig, weitere 400 arbeiteten als administrative oder sonstige Hilfskräfte in archäologischen Unternehmen. Durchschnittlich verdienten sie rund 27.100 Euro brutto pro Jahr. Das sei knapp über dem österreichischen Durchschnittseinkommen, allerdings etwas weniger als in der letzten Erhebung fünf Jahre zuvor.

Karl konstatierte zudem eine zunehmende Prekarisierung der Arbeitsangebote: "Die stabilen Arbeitsplätze haben sich kaum verändert, dazugekommen sind Teilzeitjobs und Kurzzeitverträge." So waren nur etwa 42 Prozent der Dienstverträge unbefristet. 65 Prozent der Arbeitnehmer waren Vollzeit beschäftigt, 27 Prozent halbtags, die übrigen acht Prozent waren geringfügig.

Je ein Drittel der Arbeitsplätze finde sich derzeit an Universitäten, in öffentliche Einrichtungen wie Denkmalamt oder Museen und im privatwirtschaftlichen Bereich. Das Qualifikationsniveau archäologischer Arbeitskräfte in Österreich sei hoch, rund die Hälfte habe ein Doktoratsstudium oder eine Habilitation abgeschlossen. Mit dem Bachelor-Abschluss allein könne man in dem Bereich bisher noch nicht Fuß fassen.

Folgenreiche Abkommen

Die Studienergebnisse seien deshalb aktuell besonders interessant, weil Österreich erst im Juni das europäische Übereinkommen von La Valetta zum Schutz des archäologischen Erbes und ein Übereinkommen des Europarates zum Wert des kulturellen Erbes für die Gesellschaft unterzeichnet habe, so Karl. Dementsprechend seien Konsequenzen für den archäologischen Kulturgüterschutz und damit für den Arbeitsmarkt in diesem Bereich zu erwarten.

Speziell das im Übereinkommen von La Valetta vorgesehene Verursacherprinzip sei relevant. Werden nun etwa im Zuge von Baumaßnahmen archäologische Überreste entdeckt, hat der Bauherr für die archäologische Aufarbeitung der Funde zu sorgen. Den kleinen Häuselbauer werde das aber nicht treffen, hier gebe es staatliche Förderungen.

"Dies macht es für die Planungs- und Bauwirtschaft besonders wichtig, die Kapazitäten des archäologischen Arbeitsmarktes zum Zweck einer verbesserten Bauplanungssicherheit abschätzen zu können", meinte Karl. Man solle sich daher analog zum Umweltschutz überlegen, ob man archäologische Aspekte nicht schon in die Bauplanung einbeziehe und Ausgrabungen durchführe, bevor die Baumaschinen auffahren. (APA/red, derStandard.at, 16.10.2014)

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