"Verstehe, dass Lokführer mehr Geld wollen"

15. Oktober 2014, 17:40
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Zwei Drittel der Fernzüge fielen aus, viele Reisende reagierten genervt. Es gab aber auch Verständnis für die streikenden Lokführer

"Eil dich, eil dich, den müssen wir erwischen", ruft ein nicht mehr ganz junger Mann seiner Frau zu, die bei einem der Bäckerstandl am Berliner Hauptbahnhof noch schnell Verpflegung kauft. "Ja ja, es ist doch noch Zeit", antwortet sie, schnappt den Koffer und rennt dann aber doch lieber los.

Sicher ist sicher an diesem Tag, der bei der Deutschen Bahn wieder ein Streiktag ist. Für ab 14 Uhr bis vier Uhr morgens am Donnerstag hatte die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) bundesweit Arbeitsniederlegungen angekündigt. Da fährt wie im Falle des Ehepaares mitsamt seinen Colaflaschen und Käsesemmeln eben nicht jeder Zug nach Köln. Den kurz vor 14 Uhr sollte es erwischen. Klappt auch.

In den ICE drängen Menschen, als gäbe es dort Freibier. Nur nicht zurückbleiben, wer jetzt nicht mitkommt, muss womöglich stundenlang warten. Der gesamte Fern- und Nahverkehr ist aus dem Takt, und das nicht erst seit 14 Uhr, dem offiziellen Streikbeginn.

Und dann?

Die Bahn hat schon morgens begonnen, den Zugverkehr auszudünnen, um so die Lokführer besser zu verteilen. Denn es ist nicht so, dass gar nichts fährt. "Ich muss nach Eisenhüttenstadt, komm aber wahrscheinlich nur bis Frankfurt an der Oder", sagt Ronny. Und dann? "Muss halt 'nen Kumpel anrufen, das ist okay", meint er. Klar, schon nervig, aber andererseits: "Alles wird teurer, ich verstehe, dass die Lokführer mehr Geld wollen."

Fünf Prozent mehr sind es und eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 39 auf 37 Stunden. Doch das ist nur der eine Konfliktpunkt. Der zweite betrifft Gewerkschaftsstrukturen. Die GDL will nämlich künftig nicht nur die 20.000 Deutsche-Bahn-Lokführer vertreten, sondern auch rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer, für die bisher die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) verhandelt hat. Das jedoch wollen weder EVG noch Bahn.

Mehr Geld und weniger Arbeit

Den Wunsch nach mehr Geld und weniger Arbeitszeit verstehen auch Heike und Rolf. Sie sind gerade aus Spanien gekommen, vom Flughafen zum Bahnhof, und nun soll es weitergehen nach Rostock. Dass gestreikt wird, haben sie nicht gewusst. "Jetzt sitzen wir hier und müssen noch zwei Stunden warten, ich wär schon lieber zu Hause", meint der sonnengebräunte Pensionist. "Es fährt ja nur sehr wenig", sagt seine Frau und blickt sich auf dem leergefegten Bahnhof um.

Man sieht an diesem Tag nur vereinzelt Menschen, fast könnte man meinen, es sei gerade Finale der Fußball-WM mit deutscher Beteiligung oder vier Uhr morgens. Streikrecht schön und gut, sagt Rolf, versteht er natürlich. Aber es ärgert ihn, dass eine kleine Berufsgruppe über das Fortkommen eines ganzen Landes bestimmen kann: "Das ist total unverhältnismäßig, da muss was gemacht werden."

Gesetz in Vorbereitung

Die deutsche Regierung tüftelt auch schon an einem Gesetzesentwurf, der die Macht der kleinen, aber äußerst schlagkräftigen Spartengewerkschaften eindämmen soll. Doch das Vorhaben ist heikel, weil verfassungsrechtlich umstritten. Die Deutsche Bahn hatte die GDL aufgefordert, so lange nicht mehr zu streiken, bis Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ihren Entwurf vorlegt.

Bei der GDL kommt das allerdings nicht so gut an. "Die Deutsche Bahn verlangt von uns tatsächlich, dass wir die Füße stillhalten, bis wir gesetzlich abgeschafft werden", höhnt GDL-Chef Claus Wesselsky.

Nicht minder sauer ist Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber. Denn eigentlich hätte es am Mittwoch und Donnerstag wieder Verhandlungen geben sollen. "Besonders dreist ist der flächendeckende Arbeitskampf, weil wir gerade verabredet hatten, den Gesprächsfaden wiederaufzunehmen" , sagt Weber. Doch der GDL gehe es vorrangig um die Rivalität mit der größeren EVG: "Sie stellt Machtgelüste über vernünftiges Verhandeln."

Die GDL hat ihren Streik einen Tag vorher angekündigt. Auch das missfällt der Bahn, die gerne mehr Zeit für die Vorbereitung eines Notfallplans hätte. Den Lokführern wiederum passt nicht, dass der Notfallplan schon einige Stunden vor dem eigentlichen Streikbeginn in Kraft trat.

Kein Notfallfahrplan

"Jeder Fachmann weiß, dass kein Notfallfahrplan 14 Stunden vor dem Streik beginnen muss", erklärt Wesselsky. Seine Vermutung: Die Bahn wolle bewusst Chaos stiften, um den Frust der Fahrgäste zu erhöhen und sie gegen die GDL aufzubringen.

Bei Timo gelingt es ihr nicht. Der Student will mit der S-Bahn in den Osten Berlins. Leere auf dem Bahnsteig, der nächste Zug fährt nicht wie gewohnt in drei, sondern in 30 Minuten, umsteigen muss Timo auch. Doch er nimmt es locker: "Irgendwann fährt irgendwas irgendwohin." Denn eines hat die GDL zugesagt: Sie setzt keinen auf freier Strecke aus.

Völlig entnervt hingegen ist ein Ehepaar aus dem bayerischen Nürnberg. Stunden zu spät sind die beiden in Berlin angekommen, in einer Stunde beginnt ihre seit Monaten geplante Führung im Reichstag, unweit des Bahnhofs. Frischmachen im Hotel fällt aus, das ist alles nicht mehr zu schaffen. "Soll ich jetzt mit den Koffern in den Bundestag?", schimpft er auf eine Bahn-Mitarbeiterin ein. Dann ist auch noch von "Wahnsinn" die Rede und dass man sich als Steuerzahler, dem Mobilität abverlangt werde, nicht in Geiselhaft der Lokführer nehmen lasse.

Gratiskaffee für Gestrandete

Die Mitarbeiterin der Bahn bleibt freundlich, verweist auf die Gepäckaufbewahrung, einen Gratiskaffee gibt es auch. Viele mobile Infostände hat die Bahn über den ganzen Bahnhof verteilt. Die Mitarbeiter mit ihren signalroten Jacken befragen ununterbrochen Laptops und Smartphones, um die Frage des Tages zu beantworten: "Wann komme ich wie weiter?"

Am Donnerstag soll sich der Zugbetrieb im Laufe des Tages wieder normalisieren. Und es folgt schon der nächste Streik, diesmal in der Luft. Ab zwölf Uhr heben die Piloten der Lufthansa-Billigtochter Germanwings nicht mehr ab. Der Ausstand wird bis Mitternacht dauern und könnte deutschlandweit alle Flüge der Tochter treffen. Das wären plangemäß 450 Verbindungen. Lachende Dritte sind die Fernbusse: Sie verzeichnen wegen der Streiks zwischen zehn und 20 Prozent mehr Buchungen. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 16.10.2014)

  • Nicht nur wie hier am Berliner Hauptbahnhof mussten Passagiere am Mittwoch lange warten, bevor sie einen Zug besteigen konnten. Die Gewerkschaft der Lokführer hatte erneut zum Streik aufgerufen.
    foto: reuters

    Nicht nur wie hier am Berliner Hauptbahnhof mussten Passagiere am Mittwoch lange warten, bevor sie einen Zug besteigen konnten. Die Gewerkschaft der Lokführer hatte erneut zum Streik aufgerufen.

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