Die Milliarde knacken

Kolumne15. Oktober 2014, 17:33
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Die ersehnte Touristenexplosion ist eine gefährliche Drohung

Norbert Kettner ist der Chef des Wien-Tourismus. Ein erfolgreicher Mann, ist doch der Zustrom von Besuchern der Bundeshauptstadt zuletzt stetig gewachsen. Jetzt hat sich der Lockvogel der Wien-Touristen ein ehrgeiziges neues Ziel gesetzt: Im Jahre 2020 soll es in der Stadt 18 Millionen Nächtigungen pro Jahr geben und einen Umsatz von einer Milliarde Euro. Kettner vor kurzem in einem Interview: Wir wollen die Milliarde knacken.

Die Milliarde knacken? Man erschrickt, wenn man das liest. Denn nach den Plänen der Tourismusverantwortlichen würde das bedeuten, dass in sechs Jahren noch 5,3 Millionen mehr Fremde in Wien übernachten würden als heute. Eine Horrorvision! Wo sollen alle diese Leute Platz haben? Jetzt schon wälzen sich täglich dichte Kolonnen von Schaulustigen über Graben, Stephansplatz und Kohlmarkt. Jetzt schon meiden viele Einheimische in den Stoßzeiten die schönsten Straßen der Stadt und wählen Umwege, weil sie sich beim Einkaufen nicht durch Menschenmassen ihren Weg bahnen möchten.

Ja, Tourismus ist etwas Schönes. Und ja, er bringt Geld. Aber so viel Tourismus? Wer nur aufs Geld schaut, macht mit der Zeit eine Stadt kaputt. Venedig ist ein gutes Beispiel dafür. Dort gibt es längst mehr Touristen als Venezianer, diese ziehen weg, die Infrastruktur ist fast ausschließlich auf die Besucher ausgerichtet, der Ex-Bürgermeister sitzt im Gefängnis. Will Wien wirklich den gleichen Weg gehen?

Nun ist Wien, im Unterschied zur Lagunenstadt, eine Metropole. Sie hat mehr Platz. Aber die Innenstadt ist klein, die schönen Plätzchen, wo die Touristen hingeführt werden, sind beschränkt. Noch fünf Millionen Besucher mehr - und der erste Wiener Gemeindebezirk wird endgültig zum Disneyland. Zu Ende gedacht, ist das eine Entwicklung, die auf eine Art Teilung der Stadt hinausläuft: die Innenstadt den Touristen, den Wienern die Vorstädte. Im Zusammenhang mit dem Streit um die Sonntagsöffnung ist bereits von einer "Tourismuszone" die Rede, in der die normalen Gesetze und Regeln außer Kraft gesetzt werden sollen.

Noch ist es nicht so weit. Wien ist, wie die internationalen Rankings zeigen, nach wie vor eine wunderbare und lebenswerte Stadt. Aber es gibt schon Zeichen an der Wand. Das sogenannte Goldene Quartier an Kohlmarkt und Tuchlauben etwa hat jetzt schon den Charakter einer Tourismuszone. Gähnend leere Luxusgeschäfte, vor jedem ein Securitymann, wirken wie exterritoriale Inseln. Warten sie auf den legendären russischen Oligarchenkunden? Oder sind sie einfach Werbeträger für internationale Marken?

Künftig, hat Tourismuschef Kettner erklärt, will sich die Stadt auf den asiatischen Markt konzentrieren. Hallstatt bietet einen Vorgeschmack darauf. Seit die Chinesen es entdeckt haben, ist das Original-Hallstatt im Salzkammergut fast so chinesisch wie das nachgebaute Pseudo-Hallstatt im fernen China. Ein Vorbild für Wien?

Man soll die Kirche im Dorf lassen. So schnell kann man eine Großstadt schon nicht ruinieren. Trotzdem: Die ersehnte Touristenexplosion ist eine gefährliche Drohung. Vor dem übereifrigen Herrn Kettner muss man sich fürchten. Kann ihn denn niemand einbremsen, bevor er die Milliarde knackt? (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 16.10.2014)

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