Das Verschwinden einer Nachbarschaft

15. Oktober 2014, 17:01
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Simon Allemeersch mit Doku-Installation über sozialen Wohnbau beim Herbst

Graz - "Die Leute haben Angst, jetzt in einem Sarkophag zu leben", erzählte ein Freund dem belgischen Theatermacher Simon Allemeersch. Die Leute waren Bewohner der in den 1970ern erbauten Rabottürme in Gent. Sozialwohnungen in drei Gebäuden, deren erste Bewohner noch als privilegiert galten. In weniger als 40 Jahren wurden sie zu sozialen Verlierern. Als man den - wie Allemeersch später recherchierte - lange vorhersehbaren Abriss beschloss, begann die Aussiedelung von Leuten mit wenig bis keinem sozialen Spielraum - viele von ihnen schon sehr alt.

Allemeersch tat etwas Ungewöhnliches. Er zog 2010 mit seinem Studio zwei Jahre in einen der Türme. Theaterproduzenten, die ihn treffen wollten, mussten hinkommen und Bewohner kennenlernen. Er kochte für die Nachbarn, freundete sich mit ihnen an und filmte das langsame Sterben einer Nachbarschaft von rund 900 Menschen. Es entstand eine Dokumentation Rabot 4-358, die Allemeersch jetzt auf Tournee zeigt: Nicht nur auf Festivals, wie Dienstagabend beim Steirischen Herbst im Heimatsaal als Rahmenprogramm zur Ausstellung im Haus der Architektur (Druot, Lacaton & Vassal - Tour Bois le Prêtre - Transformation eines 60er-Jahre Wohnhochhauses), auch vor Bankern und Verantwortungsträgern.

"Es machen nämlich nicht die Biografien von Leuten Wohngegenden kaputt, die Wohngegend kann die Biografien ruinieren", ist sich Allemeersch sicher. Die Häuser waren zum Beispiel so am Stadtrand platziert, dass sogar nach Jahrzehnten Polizei und Rettung die Adressen kaum fanden. Gebaut wurde - vor allem nach der Ölkrise - billig und schlecht.

Allemeersch baut vor der Filmleinwand in einer Installation sein temporäres Atelier und Modelle der Wohnblocks auf. Die stillen Porträts der Menschen, die als Spielbälle von Investoren im Schatten bleiben würden, sind liebevoll, aber ohne Zuckerguss. Auch Drogenprobleme werden angesprochen. "Armenfriedhof" und "Stadtkrebs" hatte die Öffentlichkeit die Rabottürme genannt, erzählt Allemeersch nach dem Film, "doch ich traf viele, die erzählten, wie gerne sie hier lebten". (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 16.10.2014)

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