Sopranistin Véronique Gens: Vom täglichen Proben und Morden

Gespräch15. Oktober 2014, 17:02
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Am Donnerstag hat der Gluck-Doppelpack "Iphigénie en Aulide et Tauride" am Theater an der Wien Premiere. Die französische Sopranistin Véronique Gens zeigt sich von der Last der Tragödie gezeichnet

Wien - Eng wie Bergstollen sind die Garderobengänge im Theater an der Wien, auf der Hinterbühne herrscht höhlengleiche Schwärze. Da kann schon mal Bunkerstimmung aufkommen: "Wir proben und proben, es kommt mir vor, als ob ich seit zwei Jahren hier bin", resümiert Véronique Gens vor der Premiere seufzend ihren Zustand. Die Französin singt die halbe Titelpartie der sehr speziellen Produktion Iphigénie en Aulide et Tauride. Regisseur Torsten Fischer hat aus seinen Inszenierungen der zwei Opern von Christoph Willibald Gluck von 2012 (Aulide) und 2010 (Tauride) ein Stück gemacht.

Wurde viel gekürzt? "Ja. Die zwei Opern müssen in drei Stunden erzählt sein - das Orchester spielt ja nicht länger. Man musste so viel wundervolle Musik streichen - die Ballettmusiken von Aulide etwa. Aber Torsten möchte nicht zwei Opern zeigen, er möchte eine durchgehende Geschichte erzählen." Gens, die schon einen Iphigénie-Doppelpack mit Regisseur Pierre Audi gemacht hat, bezeichnet die Inszenierung als "clever". Und fügt hinzu: "Ich hoffe, dass es auch jeder versteht."

In der Mythologie geht's ja relativ wüst zu, und die Sippe der Artriden ist vom Schicksal bzw. vom Fluch der Götter besonders hart getroffen: Die Nachfahren des Tantalos wurden zum innerfamiliären Morden verdammt. "Agamemnon will seine Tochter Iphigenie töten, Iphigenies Mutter Klytämnestra tötet darauf ihren Mann, worauf Iphigenies Bruder Orest die Mutter umbringt. Schrecklich!", klagt die 48-Jährige. "Nach zwei Monaten wird man so bedrückt von dem Ganzen!"

Sieht die traumatisierte Sängerin die multitraumatisierte Titelheldin noch als realen Menschen oder mehr als Symbol für übermenschliches Leid? "Ich sehe sie als reale Frau. Sie ist natürlich sehr traurig und einsam da im Exil bei den Barbaren, sie vermisst ihre Mutter, sie denkt, dass ihr Bruder tot ist. Aber Fischer und ich, wir sehen sie nicht als Mörderin. Sie ist die, die dafür eintritt, dass das Morden ein Ende hat."

Große Aktualität

So gegenwartsfern die Geschichten aus der griechischen Mythologie auch sind, haben ihre Inhalte für Gens angesichts der Ereignisse im Nahen Osten auch eine beängstigende Aktualität. "In dieser Oper werden ständig Menschen getötet - fast mit einer gewissen Leichtigkeit, als ob es nichts ausmachen würde. Die Bilder, die aus Syrien und anderen Ländern kommen, sind ähnlich. Das ist erschreckend."

Die Französin mag Gluck generell sehr gern, sie sieht ihn als das Bindeglied zwischen der französischen Barockmusik und Mozart. "Ich fühle mich bei ihm zu Hause. Französisch ist zwar, sogar für eine Französin, furchtbar schwer zu singen. Aber man muss versuchen, das Deklamieren, die Wörter zu genießen. Und die Accompagnato-Rezitative sind alle sooo toll geschrieben ..." Gens hat Gluck mit Originalklangensembles gemacht; auf die Zusammenarbeit mit den Wiener Symphonikern angesprochen, lobt Gens das Orchester bezüglich dessen Lerneifers und der Reaktionsschnelligkeit, zeigt sich jedoch unglücklich über die hohe Stimmung. "Man fühlt körperlich, dass die Musik für eine tiefere Stimmung geschrieben wurde. Man kann bei der hohen Stimmung auch nicht so gut deklamieren." Parallel zu den Proben hier arbeitet die Sopranistin an einer neuen Partie, die sie nächstes Jahr in Genf singen wird: Offenbachs La Belle Hélène. "Das ist meine Rettung! Immer nur Tod und Verzweiflung, da wird man depressiv!"

Letzte Frage an die ehemalige Literaturstudentin: Hat sie etwas vom französischen Nobelpreisgewinner Patrick Modiano gelesen? "Oh, er hat den Nobelpreis gewonnen? Sorry, das habe ich noch gar nicht mitbekommen. Wir proben und töten uns hier den ganzen Tag." (Stefan Ender, DER STANDARD, 16.10.2014)

  • Sopranistin Véronique Gens über ihre Figur, die Iphigénie: "Regisseur Torsten Fischer und ich, wir sehen sie nicht als Mörderin. Sie ist die, die dafür eintritt, dass das Morden ein Ende hat."
    foto: apa/georg hochmuth

    Sopranistin Véronique Gens über ihre Figur, die Iphigénie: "Regisseur Torsten Fischer und ich, wir sehen sie nicht als Mörderin. Sie ist die, die dafür eintritt, dass das Morden ein Ende hat."

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