Die Perfektionierung der Faulheit

15. Oktober 2014, 17:00
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Das Galerienprojekt "curated by_vienna" führt mit dem Überthema "The Century of the Bed" in die Welten des Traums und des Müßiggangs: Hinterfragt werden gesellschaftliche Werte und Zwangsmechanismen

Wien - Der Riese Prokrustes ist eine grimmige Gestalt der griechischen Mythologie. Zunächst nimmt er arglose Wanderer gastfreundlich bei sich auf, gibt ihnen zu essen und bietet ihnen eine Schlafstatt an. Allerdings passen die Gäste unterschiedlich gut in Prokrustes' Eisenbett, und das erzürnt den Schmied so sehr, dass er die Schlafenden mit seinen Werkzeugen entweder streckt oder ihnen die überstehenden Füße abhackt.

Als "Prokrustesbett" wird heute noch ein Schema oder eine unangenehme Lage bezeichnet, in die man mit Gewalt gezwungen wird. Beim Galerienprojekt curated by_vienna nahm der New Yorker Dokumentarfilmer und Psychiater Peter Stastny dieses Bild für Willkür und Normierung zum Ausgangspunkt seines Beitrags in der Galerie Steinek. Die Gruppenschau Good night, Mister Procrustes zeigt etwa eine käfigartige Skulptur zum Umhängen von Jana Sterbak oder eine überdimensionale Beruhigungspille aus Glas von Jeanne Susplugas.

Stastnys Interpretation des Betts als Zwangsapparat ist nur einer der vielfältigen Beiträge, die das Motto "The Century of the Bed" ausgelöst hat. Das heurige Überthema des Galerienfestivals lieferte ein Essay der Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina, in dem sie der Verwischung der Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, Öffentlichkeit und Privatheit sowie realem und virtuellem Raum nachgeht. Einstmals Stätte von Rast und Lust, wird die Schlafstätte heute zum Homeoffice mit permanenten Datenströmen.

Traum als Refugium

Die Rechner mögen nie stillstehen, aber uns bleibt immer noch der Traum als Refugium. In seiner Ausstellung Little Nemo greift Kurator Max Hollein einen Klassiker der Comicgeschichte auf. Der Direktor des Frankfurter Städel-Museums ließ die Galerie Thoman mit Vergrößerungen des 1905 erstmals publizierten US-Comics Little Nemo in Slumberland tapezieren. Der Comiczeichner Winsor McCay schuf darin höchst originelle Architekturen, die aus den Fugen geraten. In dieser surrealen Kulisse präsentiert Hollein Kunstwerke von Franz West oder Erwin Wurm, die ebenfalls eine traumgleiche Qualität auszeichnet.

Schlafen, träumen oder sterben - schon Shakespeares Hamlet brachte diese Nähe zum Grübeln. In der Galerie Mezzanin mischt eine Installation der Künstlerin Mina Lunzer reproduzierte Gemälde und Fotos von Schlafenden und Toten, um auf die unterschiedlichen Darstellungskonventionen aufmerksam zu machen. Die Kuratorin Sabeth Buchmann, Professorin an der Akademie der bildenden Künste, zeigt in ihrer Schau Arbeitstitel: Ready to Sleep auch Mina Lunzers Beschäftigung mit den Bildern, die die Schlaf- und Traumforschung produziert.

Das Arbeiten im Bett war lange Schriftstellern und Künstlern vorbehalten, die sich wie Carl Spitzwegs Armer Poet in der Horizontalen Inspirationen holten. Artist at Work nannte Mladen Stilinovic 1978 eine Fotoserie, die den schlafenden Konzeptkünstler zeigt. In der Galerie Hilger versammelt die Kuratorin Kristina Scepanski Kunstwerke, die das Bett mit Fragen nach gesellschaftlichen Werten verknüpfen.

Stilinovic definierte Nichtstun als Voraussetzung von Kunst. In seinem Manifest Lob der Faulheit betont er jedoch: "Es genügt nicht, etwas über Faulheit zu wissen, sie muss auch praktiziert und perfektioniert werden". (Nicole Scheyerer, Spezial, DER STANDARD, 16.10.2014)

Bis 8. 11.


Dieser Artikel ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit "Wirtschaftsagentur Wien. Ein Fonds der Stadt Wien." Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Schlummerland in der Galerie Thoman: Max Hollein kuratierte die Ausstellung u. a. mit Arbeiten von Bruno Gironcoli (vorne links), Franz West ("Lemurenkopf", rechts) und Erwin Wurm (Kartoffelskulptur).
    foto: lena kienzer

    Schlummerland in der Galerie Thoman: Max Hollein kuratierte die Ausstellung u. a. mit Arbeiten von Bruno Gironcoli (vorne links), Franz West ("Lemurenkopf", rechts) und Erwin Wurm (Kartoffelskulptur).


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