Im Wortlaut: "An die Stiftungsräte des ORF"

15. Oktober 2014, 12:30
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Der Appell zum Erhalt des Funkhauses in voller Länge

Der alte Stiftungsrat des ORF hat in seiner letzten Sitzung im März dieses Jahres eine übereilte Entscheidung getroffen: die ORF-Radioredaktionen aus ihrem zentralen Standort im Funkhaus abzusiedeln und sie an den Stadtrand ins ORF-Zentrum zu verlegen. Schon im Voraus hatten zahlreiche namhafte Persönlichkeiten von diesen Plänen dringend abgeraten. Sie wurden ignoriert. Das ist nicht folgenlos geblieben. Seither hat sich eine breite Allianz gegen dieses Vorhaben gebildet.

Die Angehörigen dieser Allianz wissen, dass für Österreich 1, FM4 und Radio Wien die Nähe zum pulsierenden Geschehen im Innenstadtbereich eine unabdingbare Voraussetzung ist. Ö1 bleibt nicht Ö1, wenn man die vielen feinen Fäden durchtrennt, die diesen Sender mit dem urbanen Kultur- und Wissenschaftsmilieu verbinden. Das gilt auch für den Jugendkultursender FM4, dessen Programm durch eine internationale, weltoffene und urbane Ausrichtung geprägt ist. Und das schnelle, aktuelle Stadtradio Wien hat am Stadtrand sowieso nichts verloren.

Standortvorteil für wen?

Es ist uns völlig unverständlich, dass der ORF mit dem Funkhaus als Radiostandort in Bestlage eine seiner größten Stärken aus der Hand geben will. Ö1 ist keinesfalls ein Nischenprodukt, sondern werbetechnisch gesprochen eine optimal eingeführte, starke und vor allem authentische Premiummarke, die von ihrem kreativen Umfeld lebt: Zwischen innerstädtischem Kulturleben, dem Quartier Belvedere und dem ökonomisch und kulturell aufblühenden Viertel um den neuen Hauptbahnhof, diesem neuen Tor zu Wien, das in Fußdistanz (!) zum Funkhaus liegt. Für FM4 gilt dasselbe. FM4 steht als Medium und Marke für den regen Austausch mit der jüngeren Musik- und Kultur-Szene Österreichs. Dabei ermöglichen das Funkhaus als Redaktionsstandort und das Radiokulturhaus als Location für die FM4 Radiosessions eine authentische Teilhabe am pulsierenden Leben der Großstadt. Und für das Stadtradio und Stadtfernsehen ORF/Radio Wien kann es sowieso keinen besseren Standort geben. Das Funkhaus mit dem Radiokulturhaus ist kein bloßes Bürogebäude, sondern ein in Wien einzigartiges kulturelles Kompetenzzentrum. Wird das Radio abgesiedelt, dann ist auch die Kompetenz dahin. Was bleibt dann außer einem bezugslosen Veranstaltungsort? Ein Radiokulturhaus ohne Radio hat keine Zukunft.

Ein multimedialer Newsroom am Küniglberg kann niemals den jetzigen Standortvorteil für die Radios wettmachen. Ein Newsroom ist kein Allheilmittel, sondern ein Old School-Modell, das gerade von der Realität überholt wird. Erfolg erzielt man nicht durch zentral generierten Einheitsbrei, sondern durch ein ausdifferenziertes Angebot für unterschiedliche Zielgruppen. Dazu bedarf es auch unterschiedlicher Arbeitswelten und Herangehensweisen.

Nicht mögliche Prognosen und ein zweites Skylink?

Laut ORF-Prognosen sollen durch die Standort-Zusammenlegung jährlich ab 2021 10 Millionen Euro eingespart werden können, übrigens zu zwei Drittel aus geplantem Personalabbau, sogenannten "Produktions- und Redaktionssynergien". Sind solche langfristigen Vorhersagen überhaupt seriös zu treffen? Die Wirtschaftstreibenden unter uns sagen: Nein. Vielmehr ist zu fürchten, dass die bei solchen Großprojekten regelhaften Baukostenüberschreitungen nicht nur die erhofften Einsparungen auffressen, sondern darüber hinaus weiteren Personalabbau und damit eine Verschlechterung des Programmangebots erzwingen würden. Und was ist, wenn aus dem geplanten Ausbau ein zweites Skylink wird? Unter Architekten und Planern geht dieses Gespenst bereits um. Für einen ORF unter dem heutigen Konkurrenzdruck wäre das garantiert nicht zu verkraften.

Verkehrspolitisch falsch

Schließlich ist die Absiedlung weder verkehrs- noch umweltpolitisch eine gute Lösung. Die öffentlichen Verkehrsanbindungen des ORF-Zentrums sind im Vergleich zu denen des Funkhauses schlecht; der Küniglberg liegt fernab der U-Bahn. Wer mit dem Auto oder Taxi fährt, muss sich durch überlastete Verkehrsadern kämpfen. Die ruhige Wohngegend rund um den Küniglberg würde durch die Erhöhung des Verkehrsaufkommens durch eine große Zahl "neuer" Mitarbeiter/innen unnötig belastet. Und die meisten Gäste des ORF tun sich eine solche Anreise für den einen oder anderen direkten schnellen Radiobeitrag sicher nicht an.

Was konkret geschehen soll

Der enorme Erfolg des Festes für den Rundfunk im Juni am Karlsplatz mit Dutzenden attraktiven künstlerischen Auftritten war der Startschuss für eine neue, größere Welle des öffentlichen Engagements zur Erhaltung des Funkhauses. Es hat sogar, offenbar auf Grund von Informationen aus dem ORF, rund um das "Fest für den Rundfunk" in einigen Medien geheißen, der Verkauf des Funkhauses sei keineswegs fix.

Wir bitten Sie daher, diesen neuen, geänderten Umständen die ihnen gebührende Beachtung zu schenken. Diese Äußerung von Seiten des ORF gegenüber den Medien sowie die öffentlichen Erklärungen und Proteste Tausender namhafter, engagierter und interessierter Vertreter/innen der öffentlichen Meinung können sicher nicht schweigend übergangen werden.

Es wäre stattdessen angebracht, dass Sie als Mitglied des neuen Stiftungsrats rechtzeitig darauf dringen, die Entscheidung neu zu verhandeln und zu einer Lösung zu kommen, die nicht die Aufgabe des Funkhauses als Radiozentrum zur Folge hat, sondern die Sender ihrer Bedeutung entsprechend an ihrem bisherigen Standort aufwertet. Wenn Sie der Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wie er sich in unserem Land spezifisch darstellt, entsprechen wollen, muss dies ganz in Ihrem Sinn sein.

Wir appellieren an Sie daher: Radio muss im Funkhaus bleiben!

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