Braucht Österreich die OMV?

Blog15. Oktober 2014, 13:07
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Ein Großkonzern ohne überzeugende Strategie bringt dem Wirtschaftsstandort wenig – und rechtfertigt keine riskante Staatsbeteiligung

Die Turbulenzen bei der OMV, Österreichs größtem Unternehmen, werfen eine grundsätzliche Frage auf: Warum ist in einem Land ohne nennenswerte Öl- und Gasvorräte ein Öl- und Gaskonzern die Nummer eins?

Nun stehen Energiekonzerne in vielen Ländern beim Umsatz an der Spitze. Aber auch im internationalen Kontext ist die OMV in Relation zur Größe des Heimatmarktes ziemlich groß – jedoch in absoluten Zahlen wieder klein.

Das lässt sich teils historisch erklären: Einst gab es im niederösterreichischen Weinviertel eine bedeutende Ölförderung. Aber während diese Jahr für Jahr geschrumpft ist, ist das damit befasste Unternehmen stetig gewachsen, indem es international expandierte – in den Nahen Osten, nach Osteuropa und zuletzt nach Westeuropa. Und die treibende Kraft des Wachstums war der Wille des Großaktionärs, der Republik.

Äußerlich eine Erfolgsstory

Äußerlich ist die OMV eine österreichische Erfolgsstory: Hohes technisches Know-how, zu dem auch die international angesehene Montan-Uni in Leoben beiträgt, wird weltweit exportiert und schafft im Inland hochbezahlte Arbeitsplätze.

Aber Investitionen in Öl- und Gasförderung sind immer ein Vabanquespiel, das einmal besser und dann wieder schlecht ausgehen kann. Österreich hat sich entschlossen, da mitzuspielen, und das auch mit Steuergeldern.

Denn an der OMV ist die Republik mit 31,5 Prozent beteiligt, was derzeit einen Marktwert von 2,5 Milliarden Euro darstellt. Und wenn die ÖIAG ihren Anteil halten will, wird sie wohl bald weiteres Kapital zuführen müssen.

Nur zwei Kernkompetenzen

Ist dieses Geld gut eingesetzt? Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist die Position der OMV weniger klar. Das Unternehmen hat – neben der immer noch recht ergiebigien Ölförderung im Marchfeld – zwei geographische Kernkompetenzen: die Raffinerie in Schwechat bei Wien und den Erdgasknoten in Baumgarten an der March, wo die wichtigste Gaspipeline aus Russland endet. Alles andere könnten andere Energiekonzerne möglicherweise besser machen. Und weil sie größer sind, könnten sie Rückschläge leichter verkraften.

Von denen hat die OMV in den vergangenen Jahren viele gehabt: Die Entwicklung neuer Gasfelder im Iran ist wegen der internationalen Sanktionen nicht aufgegangen, die Produktion in Libyen ist wegen der dortigen Unruhen drastisch zurückgegangen.

Fragwürdige Investitionen

Ob die Tankstellen in der Türkei sich als kluge Investition erweisen werden, ist unsicher. Und das jüngste – und sehr teure – Milliardenengagement in Ölfeldern in Norwegen und Großbritannien ist wegen des Rückgangs des Ölpreises bereits in der Verlustzone.

Erfolgreich war die Übernahme der rumänischen Petrom bei der Privatisierung 2004. Hier hat die OMV durch modernes Management die Erträge steigern können. Aber auch dieser Deal hätte anders ausgehen können – wie etwa der missglückte Kauf der Bank BCR durch die Erste Group, die den Österreichern nun schwer im Magen liegt.

Ein logischer Schritt für die OMV wäre der Ausbau der Raffineriekapazitäten und des Tankstellennetzes in Mitteleuropa gewesen. Aber der Kauf der slowakischen Slovnaft und die Übernahme der ungarischen Mol sind beide am Widerstand der Ungarn gescheitert. Im Nahen Osten kommt Österreich als politisch neutraler Akteur gut an, doch in der Nachbarschaft ist die OMV ein oft gefürchteter Riese.

Nabucco und South Stream

Und auch der Bau neuer Gaspipelines aus dem Osten, mit dem die OMV diesen Geschäftszweig ausbauen konnte, ist von politischen Unwägbarkeiten abhängig. Das große Nabucco-Projekt ist gescheitert, und die South-Stream-Pipeline wird wohl auch nicht kommen, wenn der Konflikt der EU mit Russland um die Ukraine nicht gelöst wird.

Wie leicht unüberlegte Auslandsengagements danebengehen können, sieht man an der jüngsten vernichtenden Kritik des Rechnungshofs an den Aktivitäten des Verbund-Konzerns, an dem der Staat sogar die Mehrheit hält.

Die Zukunft der OMV ist bei weitem nicht gesichert. Der Konzern liefert zwar eine hohe Wertschöpfung für den ostösterreichischen Wirtschaftsraum, aber die technologische Umwegrentabilität ist gering. Und Öl und Gas sind sicher keine Zukunftsindustrie.

Fragwürdige Staatsbeteiligung

Das Chaos in der OMV-Vorstandsetage ist auch Ausdruck dieser Unsicherheiten. Daher sollte sich die Regierung sehr wohl fragen, ob die OMV in ihrer jetzigen Form und Größe eine strategische Bedeutung hat, die eine Staatsbeteiligung rechtfertigt.

Eine voll privatisierte OMV würde wohl früher oder später von einem ausländischen Konkurrenten übernommen werden, die Headquarter-Funktionen in Wien würden dann zum Großteil verschwinden. Das wäre ein Verlust. Aber man muss sich auch fragen, ob die paar tausend Jobs, die daran hängen, das finanzielle Risiko der Staatsbeteiligung rechtfertigen.

Die Raffinerie in Schwechat könnte auch von einem nichtintegrierten Unternehmen betrieben werden – und auch im ausländischen Eigentum gut funktionieren. Für die Versorgung des Landes mit Heizöl und Treibstoff braucht Österreich die OMV nicht.

Suche nach überzeugender Strategie

Wenn die Eigentümer, der Aufsichtsrat und ein neuer Vorstandschef eine überzeugende Strategie für den Konzern finden, hat die OMV in ihrer jetzigen Form wohl eine Zukunft. Aber das ist derzeit nicht in Sicht. Und wenn der Tanker weiter schlingert, weil es keinen Zielhafen gibt, wäre der Rückzug des Staates aus der OMV der einzig richtige Weg – und damit wohl auch das Ende der ÖIAG.

Eine florierende staatsnahe Industrie bringt einem Land gewisse Vorteile. Aber ein Mitdilettieren in hochriskanten Branchen hat Österreich schon in der Vergangenheit zu viel Geld gekostet. (Eric Frey, derStandard.at, 15.10.2014)

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