Skifahren in der Nähe des Eiffelturms

15. Oktober 2014, 16:47
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Pläne für ein Einkaufs- und Freizeitzentrum bei Paris erregen die Gemüter: Das Riesenprojekt "Europacity" soll fast zwei Milliarden Euro kosten

500 Geschäfte, tausende Hotelzimmer, Konzertsäle, ein Erlebnisbad, sogar eine Skihalle - und das alles nicht weit vom Eiffelturm: Es ist ein gigantisches Einkaufs- und Freizeitzentrum, das bis 2025 vor den Toren von Paris aus dem Boden gestampft werden soll.

"Ambitioniert", "utopisch", "maßlos"

Lokalpolitiker erhoffen sich Jobs und klingelnde Kassen von dem Milliardenprojekt "Europacity", das auf 80 Hektar Ackerland entstehen und dem finanzschwachen Umland Auftrieb geben soll. Doch gegen das Vorhaben formiert sich Widerstand. "Ambitioniert", "utopisch", "maßlos" - die Meinungen über "Europacity" gehen auseinander. Fast zwei Milliarden Euro soll das Projekt des Einzelhandelsriesen Auchan in Gonesse im Norden von Paris kosten. Es wäre das größte privat finanzierte Bauprojekt in Frankreich seit der Errichtung von Disneyland Paris vor etwas mehr als 20 Jahren.

"Es geht darum, ein neues Stück Stadt zu schaffen, mit Parks und Straßen", sagt Projektleiter Christophe Dalstein von der Auchan-Immobilientochter Immochan. "Es ist weder ein klassisches Einkaufszentrum noch ein typischer Freizeitpark."

20 Kilometer nördlich von Paris

2.700 Hotelzimmer sind geplant, Restaurants auf insgesamt 20.000 Quadratmetern Fläche, zwei Konzert- und Theatersäle sowie ein Saal für Zirkusaufführungen. Aber auch ein Erlebnisbad, ein Freizeitpark, ein Flohmarkt und ein 30.000 Quadratmeter großer "Schneepark" mit Skipisten und Liften.

Der Entwurf des dänischen Architekten Bjarke Ingels sieht ein riesiges begrüntes Dach vor, das wie Berge und Täler wirken soll. EuropaCity soll keine 20 Kilometer nördlich von Paris entstehen, eine neue U-Bahn-Linie soll Publikum aus der Hauptstadt schnell zum neuen Konsumtempel bringen. Insgesamt 30 Millionen Besucher sollen jedes Jahr kommen.

Massive Kritik

Die Gegner des Vorhabens sind entsetzt. "Das ist ein typisches Beispiel für ein Projekt unter der Käseglocke", kritisiert der Geograf Michel Lussault. "Eine perfekte Blase, in welcher der Städter sein ständiges Glück finden soll." Und Alain Lennuyeux, der mit einer Vereinigung die Arbeit der Projektgegner koordiniert, spricht von einem "grotesken Projekt", das "verheerende Folgen" haben werde.

Kritik wird unter anderem daran laut, dass "Europacity" auf Ackerland entstehen soll. "Das sind die landwirtschaftlichen Flächen, die am nächsten an Paris liegen, Böden von hervorragender Qualität", sagt der Umweltschützer Bernard Loup. "Wir brauchen sie für die Selbstversorgung der Region Ile-de-France", also des Großraums Paris.

Verlockende Aussicht auf Arbeitsplätze

In der Gegend gibt es zudem bereits zwei große Einkaufszentren: O'Parinor mit 220 Geschäften in Aulnay-sous-Bois und das erst im vergangenen Jahr eröffnete Aeroville mit 200 Geschäften nahe dem Hauptstadtflughafen Charles de Gaulle. "Die Leute haben keine 50 Geldbeutel", warnt Lennuyeux.

Der Bürgermeister von Gonesse, Jean-Pierre Blazy, will die Einwände aber nicht gelten lassen. "Das ist kein Einkaufszentrum-Projekt, das ist anders", sagt der Sozialist. "Und die Gegend um Gonesse wird nicht vollkommen urbanisiert: Es werden hunderte Hektar für die Landwirtschaft bleiben." Die Aussicht auf 17.500 Jobs, die durch Europacity direkt und indirekt entstehen sollen, sind verlockend in einer von Arbeitslosigkeit geprägten Region. "Europacity wird nicht alle Probleme lösen, aber es ist eine Chance, die wir ergreifen müssen", wirbt der Bürgermeister.

Der Bauer Dominique Plet lässt sich davon nicht überzeugen - er fürchtet um seine Zukunft. "Wenn Europacity gebaut wird, dann verliere ich 30 Hektar Land und mein Betrieb ist nicht mehr überlebensfähig", sagt der 70-Jährige. Er schaut über ein Maisfeld, am Horizont zeichnen sich die Silhouette des Eiffelturms und der Basilika Sacre-Coeur ab. "Können Sie sich das vorstellen, eine Skipiste, hier?", fragt Plet. "Wir sind doch nicht in Katar!" (APA, red, derStandard.at, 15.10.2014)

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