Graue Haare färben

16. Oktober 2014, 16:40
113 Postings

Wer als Silberrücken einmal in den Farbtopf greift, hat es schwer, damit wieder aufzuhören

Pro

Von Peter Illetschko

Noch ehe ich George Clooney das erste Mal sah, wusste ich: Mit grau meliert kann man punkten. Eine Haarpracht, die einem Respekt verschafft und eine Erotik ausstrahlt, die die Zungen schnalzen und die R rollen lässt - zumindest vor dem eigenen Spiegel. Was andere sich teuer beim Friseur erkauften, ging bei mir - noch lange keine 40 - von selbst. Auch als ich so alt wurde, wie meine Haarpracht aussah, fühlte ich mich noch ganz wunderbar.

Doch langsam kommen mir Zweifel: Die Witze von Freunden, meine Haarfarbe sei "friedhofsblond", werden mehr. Zwar hat mir noch niemand einen Sitzplatz in einer vollbesetzten U-Bahn angeboten, aber seit das Kind im Hause sagt, ich möge es nicht mehr von der Schule abholen, weil die Freunde glauben, ich sei sein Opa, ist mein Entschluss gefasst: Wenn ich einmal wirklich alt bin, dann färbe ich mir die Haare. Und zwar jedes Mal anders. Die Leute werden mich dann den ausgeflippten Alten nennen. Und von mir aus sollen sie Opa sagen. Hauptsache, ich habe meinen Spaß.

Kontra
Von Irene Brickner

Der kluge Mensch denkt an die Folgen, bevor er oder sie handelt. Das hat mich meine Mutter gelehrt, die sich, Mitte 30 früh ergraut, die Haare zeitlebens dunkel färben ließ. Ihrem eigenen vernunftbetonten Anspruch wurde sie dadurch nur bedingt gerecht, was ihre Frisur betraf: Wer - höflich ausgedrückt - als Silberrücken einmal in den Farbtopf greift, hat es schwer, damit wieder aufzuhören. Schon wegen der hässlichen bleichen Haaransätze, die sich mit zunehmender Ergrauung immer rascher zeigen.

Sodann beginnt ein ästhetisches Ringen, das sich zum Teufelskreis entwickeln kann. Reichte anfangs, als man noch aschblond und nicht aschgrau war, eine Färbung alle acht Wochen, so ist man später gezwungen, sich im 14-Tage-Rhythmus stinkende Substanzen aufs Haupt zu schmieren. Ob das gesund ist, erscheint fraglich. Also, Ergraute dieser Erde, lasst das Färben sein! Auch wenn ein künstlich blonder, brauner oder auch hennaroter Schopf um mindestens zehn Jahre jünger macht - wie meine Mutter sagte.

(Rondo, DER STANDARD, 17.10.2014)

  • Artikelbild
    foto: lukas friesenbichler
Share if you care.