Ins Forschungslabor lachen gehen

14. Oktober 2014, 19:43
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Beim Austrian Research and Innovation Day sprach der STANDARD mit österreichischen Wissenschaftern, die in den USA arbeiten, und bat sie um einen Vergleich mit der Situation in Österreich

Einige Geschichten aus dem Wissenschafterleben in den USA klingen wahrlich nach Forschungsparadies auf Erden: Die aus der Steiermark kommende Kinderonkologin Mariella Gruber-Fibin, derzeit am Dana-Farber Cancer Institute in Boston beschäftigt, schwärmt, dass man alle ihre Ideen zur Erforschung des bösartigen Gehirntumors Glioblastom mit einem "Ja, mach!" kommentiert. Wenn es dazu noch genug Geld und die nötige Infrastruktur gibt, wenn - wie im vorliegenden Fall - Publikationen in großen Fachjournalen gelingen, scheinen Wissenschafter wie Gruber-Fibin wirklich keinen Grund zu haben, nach Österreich zurückzukehren. Zumal die "Willkommenskultur" für Wissenschaft hierzulande doch schlechter ausgeprägt als in den USA zu sein scheint.

Beim diesjährigen "Austrian Research and Innovation Talk", der am vergangenen Wochenende in Boston stattfand, waren Erzählungen, die eine derartige Schlussfolgerung zuließen, keine Seltenheit. Angelika Amon, Zellbiologin am Massachusetts Institute of Technology (MIT), erzählte, man habe ihr in den 1990er-Jahren an der Uni Wien eine halbe Assistentenstelle angeboten. Da hatte sie aber schon Angebote aus den USA.

Ob die Chancen auf Karrieren an österreichischen Universitäten nun besser seien? Manche der an der Tagung teilnehmenden Auslandsösterreicher verneinten entschieden, andere führten die finanziell angespannte Situation an heimischen Unis ins Treffen, Dritte betonten, dass sich in der Einstellung zu jungen Wissenschaftern eine positive Trendwende abzeichne. Zeichen wurden in Boston jedenfalls einige gesetzt: Die Technischen Universitäten von Wien und Graz, die Meduni Wien und das Austrian Institute of Technology (AIT) veranstalteten Alumni- und Netzwerktreffen, um das Interesse von anwesenden Forschern für ihre Institutionen zu wecken. Versprechungen, ausreichende Mittel für die Forschung zur Verfügung stellen zu können, hat es natürlich keine gegeben.

In Boston wurde auch von der Internationalisierungsstrategie "Beyond Europe" gesprochen. Die Wissenschaftsforscherin und ehemalige Präsidentin des Europäischen Forschungsrats ERC, Helga Nowotny, mahnte trotz aller Fortschritte in diesem Zusammenhang eine intensivere Arbeit an der Willkommenskultur in Österreich ein. Ganz Europa habe Nachholbedarf, was die Offenheit für Wissenschaft betrifft. Es sei fatal für die Entwicklung einer Gesellschaft, wenn man mit Forschung vor geschlossene Türen stehe. Vor allem der Zuzug von Wissenschaftern aus Drittstaaten sei trotz Vereinfachungen für diese hochqualifizierten Arbeitskräfte immer noch ein bürokratischer Hürdenlauf, erzählten Forschungsmanager.

Spaß bei der Arbeit

Aber nicht nur der Umgang mit Wissenschaftern und ihren Arbeiten, auch ihr Alltag könnte zwischen den USA und Österreich nicht unterschiedlicher sein. Katja Schechtner, Research Fellow am MIT Media Lab, mag es, wenn man in der Forschung Spaß hat: "Hier darf man Freude an der Forschung haben, dabei lachen, und wird trotzdem als seriöse Wissenschafterin gesehen", sagte sie zum STANDARD. "In Österreich wird man in diesem Fall schnell als oberflächlich betrachtet." Das Media Lab gilt ja als eine der faszinierendsten Technologie-Bastelstuben weltweit, weil man hier bei der Suche nach Lösungen große Denkfreiräume hat.

Eine derartige Werkstatt scheint hierzulande kaum möglich. "Der größte Unterschied zwischen den Ländern liegt im Grad der Flexibilität", betont die Wissenschafts- und Technikforscherin Sonja Schmid, Assistant Professor am Virginia Tech, die am vergangenen Samstag für ein Buch über die Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl den Award "Young Principal Scientist" des Wissenschaftsministeriums und des Forschernetzwerks Ascina erhielt. Sie erlebe in den USA "eine enorme Flexibilität im Denken und den Willen, unkonventionelle Lösungen kreativ umzusetzen. Davon könnten wir uns in Österreich etwas abschneiden."

Ist Amerika also tatsächlich ein Forscherparadies? Die Astrophysikerin Karin Muglach, die für das Goddard Space Flight Center der Nasa zum Beispiel Vorhersagen für das Weltraumwetter erstellt, relativiert den Begriff Willkommenskultur. Ausländer werden bei Bundesbehörden nicht angestellt, auch sie nicht. Sie wird von einem Unternehmen an das Center "verliehen". Sie könne sich mittlerweile eine Rückkehr nach Österreich vorstellen, und das obwohl eine heimische Uni eine Bewerbung vor wenigen Jahren nicht einmal beantwortet habe. (Peter Illetschko aus Boston, DER STANDARD, 15.10.2014)


Wissen: Netzwerktreffen

Boston ist ein guter Ort, um ein Treffen im Zeichen von Wissenschaft und Forschung zu veranstalten. Hier, genauer gesagt in Cambridge, sind zwei der besten Hochschulen weltweit angesiedelt: die University of Harvard und das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Am 10. und 11. Oktober trafen einander in Nordamerika tätige österreichische Wissenschafter und Unternehmensgründer. Übrigens bereits zum elften Mal seit 2004.

Das heurige Treffen brachte eine kleine Veränderung. Die alljährliche Tagung über Karrierechancen in Nordamerika und in Österreich heißt nun nicht mehr "Austrian Science Talk" wie bisher, sondern "Austrian Research and Innovation Talk" (Arit), um, wie es hieß, "den gesamten Forschungs- und Innovationsprozess abzubilden". Veranstalter waren neben dem Office of Science and Technology Austria in Washington (Osta) und dem Infrastrukturministerium erstmals auch das Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium. (pi)


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Die Reise erfolgte auf Einladung des Rats für Forschung und Technologieentwicklung.

  • Das von Frank Gehry designte Stata Center am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge steht für Denkfreiräume in jeder Hinsicht. Die Flexibilität im Denken, die Willkommenskultur und die Freude an der Forschung ziehen auch viele österreichische Wissenschafter in die USA.
    foto: reuters/brian snyder

    Das von Frank Gehry designte Stata Center am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge steht für Denkfreiräume in jeder Hinsicht. Die Flexibilität im Denken, die Willkommenskultur und die Freude an der Forschung ziehen auch viele österreichische Wissenschafter in die USA.

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