Kein Notnagel für die Burg

Kommentar14. Oktober 2014, 21:26
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Karin Bergmann ist in der derzeitigen Situation eine mutige Idealbesetzung

Eine ihrer ersten kniffligen Entscheidungen musste Karin Bergmann treffen, kurz nachdem sie von Kulturminister Josef Ostermayer zur interimistischen Burgtheaterdirektorin bestellt worden war. Durch die Fristlose von Ex-Burgchef Matthias Hartmann war auch der Regiesessel für Die letzten Tage der Menschheit, der prestigeträchtigen Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, vakant geworden. Bergmann wählte nicht Egomanie, Glanz und Glamour, sondern, einigermaßen überraschend, Georg Schmiedleitner, bis auf wenige Ausnahmen eher an kleineren Stadt- und Landestheatern zugange. Ihre Kür war tadellos, Schmiedleitner verfügte über die nötige Theaterpranke, die Aufführungen am Burgtheater sind meist ausverkauft.

Ähnlich unspektakulär und ebenso klug ist nun die pragmatische Entscheidung des Kulturministers, Karin Bergmanns Zweijahresvertrag um drei Jahre zu verlängern. Ostermayer widerstand tapfer der Verlockung, mit einem prominenten Charismatiker (nicht nur finanzielle) Defizite an der Burg zu übertünchen. Stattdessen wird aus der mängelverwaltenden Interimschefin eine gestaltende und auch vom Ensemble hochgeschätzte Theaterleiterin, die bis 2019 das Burgtheater, wie sie selbst sagt, "für die Welt von morgen" fitmachen will.

Es ist ihr zuzutrauen. Das Ensemble hieß die neue Chefin schon im März herzlichst willkommen, als die Wogen das große Theaterschiff fast zum Kentern gebracht hatten. Burgstar Elisabeth Orth, an sich eher zurückhaltend mit Stellungnahmen zu Vorgängen rund um die Burg, stellt eine eklatante klimatische Verbesserung im Haus fest: Es herrsche ein anderer Grundton, es werde wieder freundlich gegrüßt, stellte sie unlängst fast verwundert fest, und zwar vom Portier aufwärts.

Bergmann ist bekanntlich die erste Frau an der Burgspitze - allerdings hat sie den Job nicht aus Quotengründen bekommen. Kein geniekultiges Wortgeklingel, kein Theaterdonner: Die gebürtige Deutsche ist, darüber herrscht allgemeiner Konsens, auffallend uneitel und zielorientiert. Um dem Haus aber tatsächlich auch finanziell wieder auf die Beine zu helfen, ist die von Ostermayer angedeutete Valorisierung ab 2016 bitter nötig.

Sicher, die neue Burgherrin gehörte auch schon dem "alten" System an. Doch man sollte ihr bis auf weiteres Glauben schenken, dass sie die intransparenten buchhalterischen Extravaganzen ebenso wenig zu durchblicken vermochte, wie dies offenbar der Bundestheatergeneral, die Aufsichtsräte, Wirtschaftsprüfer oder ihre Vorgänger Nikolaus Bachler und Matthias Hartmann taten. Ausschlaggebend wird jedenfalls sein, ob und wie sie zur Aufklärung der skandalösen Vorgänge beiträgt - auch wenn es ihrer Ex-Kollegin und Freundin Silvia Stantejsky zum Nachteil gereichen sollte.

Dass Bergmann keine regieführende Direktorin ist, garantiert, dass sie sich auf die Sanierung des Budgets und die Pflege des Ensembles konzentrieren und das Haus gleichzeitig für interessante Gastregisseure öffnen wird. Erste Nennungen klingen nach spannendem Mix aus Regietitanen und Nachwuchstalenten. Dass sie Maja Haderlap als Autorin und Kuratorin gewinnen will, lässt auf einen gesteigerten Frauenanteil hoffen.

Bergmann ist kein Notnagel, sondern in der derzeitigen Situation eine Idealbesetzung. Nun kann der Minister entspannt auf Nachfolgesuche gehen. Vielleicht kann sich das generalberuhigte Haus nach 2019 auch wieder einen Künstler-Chef leisten. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 15.10.2014)

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