Iranischer Ex-Präsident: "Teheran ist in der Defensive"

Interview15. Oktober 2014, 05:30
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In Wien finden am Mittwoch neue Atomgespräche statt. Der Iran verspreche sich Konzessionen, weil er im Anti-Terror-Kampf am gleichen Strang wie die USA ziehe, sagt Abolhassan Bani Sadr

STANDARD: In Wien gibt es neue Atomgespräche mit dem Iran. Ist diese Frage neuerdings auch mit dem Krieg im Irak und in Syrien verbunden?

Bani Sadr: Nicht offiziell, aber umso verdeckter, da die Iraner und Amerikaner im Krieg gegen die Truppen der IS (der Terrormiliz "Islamischer Staat", Anm.) am gleichen Strang ziehen. Der iranische Religionsführer Ali Khamenei versucht, die beiden Fragen zu koppeln: Er will in der Atomfrage Konzessionen erhalten, indem er die IS bekämpft. Aber US-Präsident Barack Obama, der Rücksicht auf die Republikaner und Israel nehmen muss, ist dazu nicht bereit. Und er hat die besseren Karten.

STANDARD: Warum?

Bani Sadr: Weil Teheran stärker unter Druck ist als Washington. Der Krieg im Irak und Syrien bedroht die amerikanischen Interessen nicht direkt. Der Ölpreis ist seit Kriegsausbruch sogar gesunken. Auch sonst leidet die iranische Wirtschaft viel mehr als die westliche. Die Iraner sind unzufrieden. Das gefährdet Khameneis Machtstellung innenpolitisch - und auch in den Gesprächen mit den Amerikanern.

STANDARD: Und im Krieg gegen die IS?

Bani Sadr: Ohne die US-Einsätze hätten die IS-Milizen Bagdad vielleicht bereits erobert; die schiitische Regierung wäre also vertrieben. Allerdings weiß Obama auch, dass er die IS ohne die iranischen Bodentruppen nicht besiegen kann. Die sind ihrerseits auf die Amerikaner angewiesen, um von der IS nicht überrannt zu werden.

STANDARD: Wie weit gehen die Absprachen zwischen Washington und Teheran?

Bani Sadr: Bis zu konkreten Kooperationen in einzelnen Städten. Beteiligt sind sogar Erzfeinde der USA wie Qassem Soleimani, Chef von Al-Quds, der Außentruppe der Revolutionsgarden.

STANDARD: Spricht Teheran immer noch vom "grünen Gürtel"?

Bani Sadr: Khamenei brüstet sich damit, in vier Hauptstädten des Mittleren Ostens - Bagdad, Damaskus, Beirut, Sanaa - präsent zu sein und das persische Reich damit wiederbelebt zu haben. Das ist Propaganda; in Wahrheit zahlt der Iran nur für diesen Anspruch, anstatt einen Nutzen daraus zu ziehen. An all diesen Orten ist Krieg, und überall werden Schiiten bedrängt. Die Führung in Teheranist deshalb in der Defensive. Vielerorts heißt es, der Iran habe sich dank der Koalition gegen die IS wieder ins Spiel gebracht. In Wahrheit ist Khameneis Position so schwach wie nie. Die Armut steigt, der soziale Unmut wächst, die Diktatur verschärft sich.

STANDARD: Hat wenigstens der iranische Präsident Hassan Rohani das Regime etwas populärer gemacht?

Bani Sadr: Rohani wurde bei den Wahlen 2013 an die Macht gelassen, um zwei Probleme zu regeln: Er sollte die Atomkrise und die Sanktionen beenden sowie der regimeinternen Opposition den Wind aus den Segeln nehmen. Beides ist misslungen. Die gemäßigten Kreise sind enttäuscht, und die großen Mullahs halten sich auf Distanz zu Ayatollah Khamenei. Er hat heute nur noch die Revolutionsgarden hinter sich. Die sind zwar äußerst mächtig und kontrollieren 70 Prozent der Wirtschaft. Aber das Volk hat sich von ihm längst abgekehrt.

STANDARD: Auch von der islamischen Revolution?

Bani Sadr: Fragen Sie die jungen Iraner, was sie mit dem Begriff Islam assoziieren. Sie antworten: Unterdrückung, Korruption, Staatsgewalt. Das ist das Schlimme an der Sache. Als Khomeini 1979 nach Teheran zurückkehrte, sahen die Leute in ihm einen ehrlichen und rein religiösen Würdenträger, der eine Revolution mit der Blume auf dem Gewehr predigte. Bald aber zeigte das Regime sein wahres Gesicht, wie ich selber erlebt habe. Das Gewaltregime, das aus der iranischen Revolution hervorging, hat sicher einen Großteil der heutigen Spannungen und Gewalttätigkeiten im islamischen Raum ausgelöst.

STANDARD: Also auch über den schiitischen Raum hinaus?

Bani Sadr: Ja, die Revolution wirkte bis in die sunnitische Welt. Der Islam ist eine Religion des Friedens; aber die Art, wie die Revolution der Mullahs in ein Instrument der Macht und Gewalt pervertiert wurde, brachte den ganzen Mittleren Osten aus den Fugen. Dazu kam der amerikanische Eingriff im Irak. Ich sagte schon damals, dass das Vorgehen von George Bush den Terrorismus nicht bekämpfen, sondern anheizen werde. Heute ist es so weit. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 15.10.2014)

Abolhassan Bani Sadr (81) war der erste iranische Präsident nach der Islamischen Revolution von 1979. Der frühere Religionsstudent und Wirtschaftsexperte hatte sich den Schah-Gegnern um Ayatollah Khomeini angeschlossen, der in Paris lebte. Nach dessen Rückkehr nach Teheran wurde Bani Sadr im Jänner 1980 zum Staatschef gewählt. Seine Kritik an der Verhärtung der religiösen Staatsführung führte dazu, dass er im Jänner 1981 wieder abgesetzt wurde.

  • Laut dem iranischen Ex-Präsidenten Abolhassan Bani Sadr hat US-Präsident Obama die besseren Karten.
    foto: ap photo/michel euler

    Laut dem iranischen Ex-Präsidenten Abolhassan Bani Sadr hat US-Präsident Obama die besseren Karten.

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