Die Wut der türkischen Kurden auf Erdogan

Analyse14. Oktober 2014, 17:57
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Erstmals seit Beginn der Friedensverhandlungen soll die türkische Armee Kämpfer der PKK bombardiert haben

"Raaba!", sagt der Mann am Nebentisch beschwörend. "Los, lass uns Raaba machen!" Er streckt seine rechte Hand unter den Tisch, den Daumen angewinkelt, sodass vier Finger abstehen - die "raaba", Arabisch für die Zahl Vier und das Zeichen für den Widerstand der ägyptischen Muslime gegen die Armee. Eine Hundepfote, groß und haarig, geht hoch und schlägt ein.

Can Kurtoglu ist amüsiert und zufrieden über das Kunststück, das er seinem Terrier beigebracht hat. Die Gäste im Fischlokal im Istanbuler Stadtteil Besiktas johlen.

Tayyip Erdogan macht auch gern "raaba". Doch der türkische Präsident und seine Parteinahme für die Muslimbruderschaft sind hier wenig gelitten. Dass Erdogan nun auch noch die Kurden verhöhnt und dabei die Vier zeigt, bringt die Menschen erst recht auf. "Hier ist sozialer Aufruhr, und er macht das Raaba-Zeichen", sagt Can Kurtoglu, ein junger Werbetexter.

Kampf um Kobanê als Anlass

"Kobanê leistet auch für uns Widerstand", steht auf einem Transparent, das Kurden am Dienstag auf einer der Bosporusfähren von Besiktas enthüllen. Kobanê, die syrische Kurdenstadt an der Grenze zur Türkei, die an die Terrormiliz Islamischer Staat fällt, während die türkische Armee auf der anderen Seite zuschaut, war der Anlass für die schweren Zusammenstöße in türkischen Städten vergangene Woche. 34 Menschen kamen ums Leben; nicht eingerechnet zwei hohe Polizeioffiziere, die von Bewaffneten aus einem Auto heraus auf der Straße in Bingöl, einer kurdischen Stadt im Südosten, erschossen wurden. Der Polizeichef selbst wurde schwer verletzt.

Kurdische Islamisten der Splitterpartei Hüda Par gingen auf Anhänger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK los, die Polizei schlug los, und die türkischen Nationalisten rückten aus, bewaffnet mit Stöcken und Dönermessern. Nicht einmal in den 1990er-Jahren, als der türkische Staat Krieg gegen die Kurden und die Untergrundarmee PKK führte, habe es einen solchen landesweiten Gewaltausbruch gegeben, sagen die Leute.

Friedensprozess vorbei

Erstmals seit Beginn der Friedensverhandlungen mit der PKK im Herbst 2012 sollen türkische Kampfjets zu Wochenbeginn Kämpfer der Untergrundarmee im Südosten des Landes bombardiert haben. Eine offizielle Bestätigung dafür stand Dienstag noch aus. Doch Kobanê und die Haltung der türkischen Regierung haben den Friedensprozess zunichte gemacht, so scheint es nun.

"Erdogan nennt die Kurden immer 'meine Brüder'. Unsere wirklichen Brüder und Schwestern werden aber gerade in Kobanê massakriert", sagt Kurtoglu, selbst ein Kurde. Die Passivität des Nato-Partners Türkei angesichts des Vormarschs der Islamisten verärgert auch Washington. Der türkische Staatschef hat alles noch schlimmer gemacht, als er am vergangenen Wochenende in die Heimatregion seiner Eltern ging, ins stockkonservative Rize am Schwarzen Meer, die Opposition für die Gewaltwelle in den türkischen Städten verantwortlich machte und von seiner Rednerbühne brüllte: "Was hat Kobanê mit Ercis, mit Hakkari, mit Mus, Istanbul, Ankara zu tun?" Die Antwort sei klar, sagt der Werbetexter Kurtoglu: "Überall dort sind Kurden."

Erdogan war im Sommer 2013 ins Fernsehstudio gegangen und hatte ein paar Tränen zerdrückt, als während des aufgezeichneten Interviews ein Video mit dem Brief eines führenden Muslimbruders in Ägypten an seine 17-jährige Tochter eingespielt wurde, die bei dem Massaker auf dem Raaba-al-Adwia-Platz in Kairo getötet worden war. Erdogan wollte den Schmerz des Vaters über sein totes Kind nutzen, um Stimmung für einen internationalen Militäreinsatz gegen Bashar al-Assad in Syrien zu machen. Sein Argument: Wer keine Sache unterstützt, die im allgemeinen Interesse der Menschen ist, kann nicht erwarten, für seine eigene Sache Unterstützung zu finden, wenn es einmal notwendig ist. Doch nun, so stellen die Kurden in der Türkei fest, gilt das alles nicht für die größte Minderheit im Land und für die PKK, mit der Erdogan doch über eine Lösung der Kurdenfrage verhandeln ließ.

Vergleiche zwischen IS, PKK und PYD

Und plötzlich geht ihn auch der Krieg in Syrien nichts mehr an. Die PKK sei so gut wie der Islamische Staat und die PYD, die syrische Kurdenpartei, erklärte er: alles Terrororganisationen.

Doch die IS bleibt die weiche Flanke der Türkei und ihrer konservativ-religiösen Regierungspartei AKP. Mehr als 80 Prozent der Türken, so ergab im Vormonat eine Umfrage, betrachten die Islamistenarmee in Syrien und im Irak als Terroristen. Die Frage ist, was der Rest denkt.

"Frustrierte und wütende Leute", nannte Regierungschef Ahmet Davutoglu noch vergangenen August verharmlosend die IS. Emrullah Isler, ein führender AKP-Politiker und bis zur Regierungsumbildung einer der Vizepremiers, tippte vergangene Woche ein Tweet, das so viel Entrüstung auslöste, dass er es wieder löschen ließ. "IS tötet, aber sie foltert wenigstens nicht", schrieb der Uni-Professor und frühere Arabisch-Dolmetscher von Erdogan.

Islers Tweet richtete sich gegen die PKK und deren gewaltbereite Sympathisanten. Sein nächstes lautete: Gruppen wie IS würden erfunden, damit Muslime andere Muslime umbringen. Im Klartext: Die sunnitische Terrormiliz ist ein Produkt der Christen oder der Juden. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 15.10.2014)

  • Türkische Kurden demonstrieren seit Wochen, wie hier in Istanbul am vergangenen Wochenende, für ein militärisches Eingreifen Ankaras im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat".
    foto: ap / emrah gurel

    Türkische Kurden demonstrieren seit Wochen, wie hier in Istanbul am vergangenen Wochenende, für ein militärisches Eingreifen Ankaras im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat".

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