Im Norden braut sich etwas zusammen

14. Oktober 2014, 17:40
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In Island wächst eine neue Fußballmacht heran, mit einem 2:0 in der EM-Qualifikation gegen die Niederlande gelang der bisher größte Erfolg. Geht das so weiter, können sich die Handballer anhalten, bisher das Aushängeschild des isländischen Sports

Wien/Reykjavik - Es ist noch nicht lange her, als die Aschewolken des Eyjafjallajökull Europa aus dem Takt brachten. Nun hat der Vulkan einen Nachfolger gefunden: die Mannen des Knattspyrnusamband Íslands, des isländischen Fußballverbands, welcher sich angeschickt hat, die althergebrachte Rangordnung des Kick-Kontinents gehörig zu irritieren.

Es war am späten Montagabend, als es in den Niederlanden vermehrt zu ungläubigem Kopfschütteln gekommen sein dürfte. Ihre stolze Elftal, eben noch Dritter bei der Weltmeisterschaft, war im zugigen Laugardalsvöllur zu Reykjavik mit 2:0 besiegt worden. Von Island, das mit 325.671 Menschen gerade einmal über etwa zwei Prozent der niederländischen Einwohnerschaft verfügt.

In der EM-Qualifikationsgruppe A gibt das Team des kleinen Landes nach drei siegreich absolvierten Matches aber trotzdem den stolzen Tabellenführer. Noch nicht einmal ein Gegentor hat man hinnehmen müssen.

Gylfi Sigurdsson, ein Mittelfeldspieler, der sein Geld bei Swansea City in Englands Premier League verdient, brachte mit zwei Treffern die 10.000 Zuschauer im nordatlantiknahen Nationalstadion zum Schmelzen. Nachdem die Geschichte geschrieben war, würdigte der 25-Jährige die taktische Marschroute, die der Mannschaft von den Trainern verordnet worden war. Man habe einen klaren Plan gehabt und diesen mit der notwendigen Disziplin auch in Realität verwandelt. 26 Prozent Ballbesitz reichten, um die Niederländer, die im Gegensatz dazu in Orientierungslosigkeit zu versinken schienen, ins Leere laufen zu lassen.

Seit 2011 wird Island vom Schweden Lars Lagerbäck trainiert, der davor das Nationalteam seiner Heimat viermal hintereinander zur Endrunde einer internationalen Meisterschaft geführt hatte und schon dabei für einen pragmatischen Realismus gestanden war. "Wir wussten, wie gut sie sind", sagte Sigurdsson. "Wir glauben nur, dass wir gut sind", sagte Arjen Robben. Selbst der niederländische Flügelgott hatte an diesem Reykjaviker Abend wie ein Sterblicher ausgesehen.

2013 wurde Lagerbäcks Assistent Heimir Hallgrímsson zum gleichberechtigten zweiten Chef befördert, in zwei Jahren soll der 47-Jährige seinen routinierten Kollegen als Alleinverantwortlicher beerben. Idealerweise sollten Islands Fußballer zu diesem Zeitpunkt ihr erstes großes Turnier bereits hinter sich haben. Schon 2014 stand man knapp vor einer Qualifikation, allein der letzte Schritt gelang nicht: Island scheiterte im Playoff, Kroatien reiste zur WM nach Brasilien.

Der Aufschwung ist ein kontinuierlicher, als entscheidender Faktor für die positive Entwicklung werden die überall im Land errichteten Großfeld-Fußballhallen genannt. Sie haben Umfang und Niveau der Trainingsarbeit ebenso verbessert wie die Qualifizierungsoffensive für einheimische Coaches. Die Folge: eine immer breiter werdende Basis gut ausgebildeter und auch stark nachgefragter Nachwuchsspieler. Etwa 70 isländische Profis betreiben derzeit ihren Sport in ausländischen Ligen, im Teamkader gegen Holland war mit Þórarinn Ingi Valdimarsson nur ein einziger Feldspieler eines isländischen Klubs vertreten.

Und auch diese haben sich zu unangenehmen Kontrahenten gemausert. Sturm Graz musste das etwa zur Kenntnis nehmen, als sich Breiðablik 2013 in der Europa-League-Qualifikation als Endstation erwies, der Stammklub Gylfi Sigurdssons. (Michael Robausch, DER STANDARD, 15.10.2014)

  • Lange stand den Isländern der englische Fußball näher als ihr eigener. Mit den Erfolgen des Nationalteams, das seit fünf Spielen ungeschlagen ist, ändert sich das nun.
    foto: ap/gauti

    Lange stand den Isländern der englische Fußball näher als ihr eigener. Mit den Erfolgen des Nationalteams, das seit fünf Spielen ungeschlagen ist, ändert sich das nun.

  • Der Schwede Lars Lagerbäck coacht Islands Nationalteam.
    foto: reuters/kalinins

    Der Schwede Lars Lagerbäck coacht Islands Nationalteam.

  • Kapitän Aron  Gunnarsson und der zweifache Torschütze Gylfi Sigurdsson legen Arjen Robben Zügel an. "Das war zu allererst eine solide Teamleistung", sagte Co-Chef Hallgrimsson nach dem ersten Sieg gegen die Niederlande im zehnten Anlauf.
    foto: apa/epa/kraak

    Kapitän Aron Gunnarsson und der zweifache Torschütze Gylfi Sigurdsson legen Arjen Robben Zügel an. "Das war zu allererst eine solide Teamleistung", sagte Co-Chef Hallgrimsson nach dem ersten Sieg gegen die Niederlande im zehnten Anlauf.

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