"Propublica"-Gründer: "Wo es Macht gibt, wird sie missbraucht"

Interview14. Oktober 2014, 17:31
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Paul Steiger, Initiator des spendenfinanzierten US-Rechercheportals, über das Gute an Buzzfeed, Milliardäre mit Mission und warum Propublica keine Paywall plant

STANDARD: Hat das spendenfinanzierte Modell von Propublica den Medienmarkt verändert?

Steiger: Vermutlich haben wir einige Aspekte beeinflusst. Unsere Idee war recht simpel: auf einzelne Bereiche von Machtmissbrauch zu fokussieren und darüber im Sinne der Öffentlichkeit zu berichten. Ob es Erfolg haben würde, war nicht klar.

STANDARD: Der Erfolg ist offensichtlich: Propublica gewann 2010 als erstes Online-Medium den Pulitzerpreis, 2011 folgte der zweite. Hat Ihr Ansatz Journalismus wieder mehr Gewicht verliehen?

Steiger: Investigativen Journalismus gibt es ja schon länger. Aber mit dem Aufstieg des Internets wurde das Business-Modell massiv geschwächt, zahlreiche Journalisten verloren ihre Jobs, Zeitungen mussten ihre Redaktionen verkleinern. Die verbleibenden Reporter müssen täglich Geschichten liefern und es bleibt keine Zeit für längere Recherchen. Wir haben dieser Entwicklung eine Alternative gegenübergestellt.

STANDARD: Hatten Sie Sorge, die Idee könnte schiefgehen?

Steiger: Es war immer ein Risiko. Aber wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Wir hatten von Beginn an großartige Partner. Herb und Marion Sandler haben uns für die ersten drei Jahre finanzielle Unterstützung zugesichert. Zu Beginn machte ihr Anteil 95 Prozent aus, jetzt ist er auf 30 Prozent zurückgegangen, wir konnten die Finanzierung breiter aufstellen.

STANDARD: Wie hoch ist der Anteil von Leserspenden?

Steiger: Gering.

STANDARD: Wird Propublica auf Dauer ohne Paywall auskommen?

Steiger: Wir haben keine geplant. Wir produzieren öffentliches Gut, eine Paywall passt nicht zu unserem Konzept. Ich finde es aber richtig, dass die New York Times oder das Wall Street Jorunal eine haben.

STANDARD: Blicken Sie hoffnungsvoll oder besorgt in die Zukunft des Journalismus?

Steiger: Hoffnungsvoll, sogar sehr. Journalismus hat sich weiterentwickelt: heute können wir eigene Datensätze aufstellen und mit Genauigkeit sagen, ob Aussage X zutrifft. Aber hinter uns liegt eine stabile, fast üppige Zeit. Ich habe 40 Jahre im Print-Business verbracht, das Geld ist leicht geflossen. Das Web hat dieses Modell zerstört. Was uns bleibt, ist ein technologiegetriebenes Ökosystem.

STANDARD: Woher beziehen Sie selbst ihre Nachrichten?

Steiger: Den größten Teil über den Laptop. Die New York Times, das Wall Street Journal und die Washington Post bekomme ich nach Hause geliefert. Aber wenn ich mit meiner Frau mithalten will, reicht das nicht. Sie hat ständig 15 Webseiten offen, auf dem Handy und dem Laptop.

STANDARD: Braucht es denn noch Journalisten, wenn theoretisch jeder Informationen sammeln und verbreiten kann?

Steiger: Das Web erlaubt es jedem Menschen, Herausgeber zu sein. Das ist großartig, ersetzt aber nicht professionellen Journalismus. Viele der komplexen Geschichten von Propublica können nur in einer Organisation entstehen.

STANDARD: Welche Themen sind in der Zukunft besonders relevant?

Steiger: Anfangs haben wir uns stark auf die Bereiche Regierung und Wirtschaft ausgerichtet. Mittlerweile kümmert sich der Großteil der Ressourcen um Gesundheit. Wir schauen uns die Arbeit der Gewerkschaften an, ebenso das Bildungs- und Justizsystem. Wo es Macht gibt, wird Macht auch missbraucht. Danach müssen wir suchen.

STANDARD: Würden Sie Spenden denn von der Regierung annehmen?

Steiger: Nur unter bestimmten Umständen, etwa bei unserem Projekt "Dollars for Docs", bei dem die Honorare von Pharmafirmen an Ärzte aufgelistet sind. Die Regierung baut eine ähnliche Datenbank auf und verweist auf uns. Sollten Entwickler mit uns kooperieren, würden wir indirekt Geld von der Regierung bekommen. In dem Fall sehe ich kein Problem.

STANDARD: Wie empfindlich sind Sie bei Spenden von Pharmafirmen oder Waffenproduzenten?

Steiger: Wir würden kein Geld nehmen, das im Zusammenhang mit Produkten einer Firma steht.

STANDARD: Könnte eine Organisation wie Propublica auch ohne private Spenden bestehen?

Steiger: Klar, es gibt andere Plattformen, die großartige Geschichten bringen. Die LA Times etwa hat heute halb so viele Redakteure wie zu meiner Zeit, aber sie investieren in Investigativen Journalismus. Daneben sind neue Plattformen entstanden, zum Beispiel Buzzfeed.

STANDARD: Buzzfeed, bekannt für seichte Unterhaltung, baut eine Investigativ-Redaktion auf. Was halten Sie davon?

Steiger: Buzzfeed hat einen unserer leitendenden Redakteure abgeworben, Mark Schoofs. Wir haben ihm viel Geld gezahlt, Buzzfeed zahlt ihm mehr - plus ein Budget für sechs Investigativ-Reporter und ein eigenes Datenteam. Wie könnte ich mich darüber beschweren? Qualitätsjournalismus wird aufgewertet. Ich bin begrüße das als positive Entwicklung.

STANDARD: Wird der klassische Reporter aussterben?

Steiger: Es verändert sich einfach. Es gibt mehr Werkzeuge, um eine Geschichte zu finden und aufzubereiten. Nur dürfen die Werkzeuge nicht die Mission überschatten. Daten, die keinen Mehrwert schaffen, sind sinnlos. Wenn du Journalismus machst, suchst nach der Wahrheit. Wenn du etwas zur Sensation aufbläst, tust du etwas sehr Schlechtes. Wir sollten uns über die technischen Möglichkeiten freuen und sie mit Bedacht einsetzen. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 15.10.2014)

Paul Steiger (geboren 1942), Yale-Absolvent, war Reporter bei der "LA Times" und von 1991 bis 2007 Chefredakteur des "Wall Street Journal", das in dieser Zeit 16 Pulitzer-Preise gewann. 2008 gründete er "Propublica", eine gemeinnützige Plattform für investigativen Journalismus. Steiger setzt sich für Pressefreiheit ein und ist unter anderem Vorsitzender des Committee to Protect Journalists (CPJ).


Julia Herrnböck arbeitet im Zuge des US-Austrian Journalism Exchange Fellowship des Kuratoriums für Journalistenausbildung sechs Wochen in der Redaktion von Propublica in New York

  • Artikelbild
    foto: julia herrnböck
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