Extrawürste, Bruce Lee und der "leiwandste Sport"

14. Oktober 2014, 16:36
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Weil Kung Fu sie im Fernsehen fasziniert hatte, wollte Nicole Trimmel einen Kampfsport betreiben. Dass es Kickboxen wurde, war Zufall - dass die Burgenländerin acht WM- und zwei EM-Titel holte, eher nicht

Oslip/Wien - Marcel Hirscher möchte sie auch nicht sein. Das Leben einer Randsportlerin hat Vorteile. Der größte heißt Privatsphäre. Dabei steht Nicole Trimmel (32) aus Oslip im Burgenland gerne im Mittelpunkt. "Schon als Kind habe ich die Leute unterhalten", sagt sie.

"Vielleicht ist einer dabei", antwortet Trimmel auf die Frage, wie viele von hundert Leuten sie kennen würden. "Im Burgenland kennt man mich", fügt sie an. Kickboxen ist hierzulande nicht unbedingt der Sport, mit dem man berühmt werden kann, auch nicht wenn man reihenweise Titel abstaubt. Achtmal wurde Trimmel Weltmeisterin, zweimal Europameisterin.

Ein Mehr an Aufmerksamkeit alle vier Jahre bekommt Trimmel auch nicht ab. Kickboxen ist nicht olympisch. Vor London 2012 versuchte sie sich deshalb als Boxerin. Sie verpasste aber die Qualifikation. "Das ist abgehakt. Es war eine gute Erfahrung."

Im Mittelpunkt

Trimmel mag Events, organisiert auch gerne selbst. Im Juli etwa feierte sie ihr 15-Jahr-Karrierejubiläum bei einem Haubenkoch. Der nächste große Event steigt ab Samstag in Bilbao, Spanien. Trimmel organisiert nicht mit, steht trotzdem im Mittelpunkt. Bei der Kickbox-Vollkontakt-Europameisterschaft will sie ihre Titelsammlung erweitern. Aber es gehe ihr, sagt sie, längst nicht mehr nur ums Gewinnen. Es geht ihr um die Feinheiten, darum, technisch so zu kämpfen, wie sie sich das vornimmt. Kickboxen ist ein technisch anspruchsvoller Sport. Die Konkurrentinnen haben dennoch aufgeholt. "Die beobachten mich ganz genau. Alle wollen die Weltmeisterin schlagen."

Dass Trimmel es so weit gebracht hat, hat sie in erster Linie sich selbst zu verdanken. "Ich habe mir ein professionelles Umfeld geschaffen. Das ist für meine Sportart ungewöhnlich." Im Training geht sie eigene Wege. "Die Trimmel macht Extrawürste", bekam sie einst zu hören. Aber der Erfolg gibt ihr recht. "Es hat Jahre gebraucht, bis mein Weg akzeptiert wurde."

Zum Kickboxen kam Trimmel, weil es in der Nähe einen Verein gab. "Sonst wäre ich vielleicht beim Kung Fu gelandet." Sie wollte unbedingt einen Kampfsport lernen. Leinwandheld Bruce Lee und die TV-Serie Kung Fu faszinierten die Burgenländerin. "Ich dachte mir: Wenn ich so kämpfen kann, kann mir nichts passieren." Trimmel war das erste Mädchen im Verein. Vom Training mit den Burschen habe sie profitiert. Mit zunehmendem Können kam auch die Anerkennung.

Von ihrem Sport leben kann Trimmel nicht. "Es gibt praktisch keine Preisgelder." Ein paar Sponsoren unterstützen die 32-Jährige, die hauptberuflich im Sportreferat beim Land Burgenland tätig ist. Die Motivation, das Kickboxen auszuüben, ist ohnehin nicht das Geld. "Für mich ist das der leiwandste Sport. Ich darf das machen, was mir Spaß macht."

Schweinehund

Zwei bis drei Stunden trainiert sie an sechs Tagen in der Woche. Meistens fällt es ihr nicht schwer, sich zu motivieren. Und wenn doch einmal der innere Schweinehund auftaucht? "Ich habe einige Tricks entwickelt, um ihn zu überwinden."

Trimmel ist staatlich geprüfte Trainerin, gibt ihre Erfahrungen gerne weiter. Menschen zu sportlicher Aktivität zu bewegen ist ihr ein Anliegen. "Viele würden gerne Sport betreiben, wissen aber nicht, wie." Deshalb müsse man erklären, warum man wie trainieren soll, "und zwar so, dass es auch meine Mama versteht."

Trimmel leitet ein Sportprojekt an burgenländischen Volksschulen. Die tägliche Turnstunde sieht sie nicht als Allheilmittel. "Es geht darum, wie der Unterricht aussieht. Wenn ein Kind im Völkerball als Erstes abgeschossen wird, dann steht es nur herum und hat zudem ein negatives Erlebnis."

Ein negatives Erlebnis will sich Trimmel in Bilbao ersparen. Zwei, drei Jahre lang möchte sie noch kickboxen. "Ich will an der Spitze abdanken", sagt sie, "aber irgendwann ist es genug." (Birgit Riezinger, DER STANDARD, 14.10.2014)

  • Trimmel gelingt es, den inneren Schweinehund zu überwinden.
    foto: florian albert

    Trimmel gelingt es, den inneren Schweinehund zu überwinden.

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