"Amphitryon": In Finsternis getauchtes Lustspiel

14. Oktober 2014, 17:41
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Heinrich von Kleists Stück nach Molière am Stadttheater Klagenfurt

Klagenfurt - Wenn Thebens Militärs in ihrem gerade noch bejubelten Feldherrn über Nacht nur mehr einen Betrüger sehen, der sich als Amphitryon ausgibt, verliert auch die Kontinuität des Selbstbewusstseins, dieses andere Standbein unserer Identität, allen Boden unter den Füßen. Wenn dann auch noch dem eigenen Lebenspartner die Haut, die er bisher so innig liebkost hat, auf einmal als die eines Fremdlings schmeckt, tut sich ein Abgrund auf, eine Kluft, die geeignet ist, ein ganzes Lustspiel in die Finsternis einer Tragödie zu tauchen.

Aber es ist das schönste Theater, wie Andreas Patton als Amphitryon die Thebaner, die vielleicht auch die Klagenfurter sind, fassungslos beschwört, ihn wieder als das gelten zu lassen, was er war. Es wird nie mehr möglich sein, wenn Jupiter und Merkur die von ihnen usurpierten Identitäten am Ende auch wieder freigeben:

In Michael Sturmingers Deutung von Kleists Amphitryon am Klagenfurter Stadttheater begleitet die Wiedervereinigung im Ehebett nur mehr ein müdes "Alkmene!"; und selbst das schneidet die wunderbare, als Gast vom Burgtheater geholte Sabine Haupt, mit einem "Ach!" ab.

"Ich ist ein anderer" lautet das Jahresmotto des Stadttheaters, und Intendant Florian Scholz hat allen Besuchern Freikarten versprochen, die nächsten Juni noch wissen, wer sie sind. Da durfte man sich nach vergleichsweise harmlosen Verstellungswirren der Fledermaus noch Hoffnung machen - nach diesem Amphitryon nicht mehr. Diese zwar bis in die letzten Feinheiten durchgestaltete Regie ist eigentlich ganz unprätentiös, ganz werkdienlich. Dezent klassizistische Kostüme und viel Originaltext. Kleist darf selten so Kleist sein wie hier. Diese Identität also wird immerhin bestätigt. Es ist allerdings bekanntlich eine, der auf dieser Erde nicht zu helfen war.

Erstaufgeführt nach 92 Jahren

Es kommen sich in diesem Stück ja nicht nur Alkmene, Amphitryon und dessen Diener Sosias (Nikolaus Barton) abhanden. Auch das "Lustspiel" ist keines. Die Anlehnung an Molière ist offensichtlich bloß Schutzbehauptung eines Autors gewesen, der zudem versucht hat, das Grenzen- und Maßlose seines Bewusstseins geheurer erscheinen zu lassen, indem er es in wohlbemessene, abgezirkelte, komplexe Satzkonstruktionen verpackt hat. Trotzdem hat es 92 Jahre gedauert, bis eine Bühne den Mut fand, das 1807 entstandene Stück zu spielen.

Als wäre von der ersten Saisonpremiere noch ein bisschen Walzerstimmung verblieben, beginnt der Abend mit einem sich im finsteren Parkett Mut zupfeifenden Sosias; bald stößt er auf sein Double (Sebastian Edtbauer) und wird kräftig verprügelt. Je nach Perspektive verdoppeln die beiden verspiegelten Fenster vor der Fassade von Amphitryons Haus die Figuren.

Den beiden Sosiassen gelingt es im Verein mit der gewaltblond umherstöckelnden Charis (Karin Lischka) noch vergnüglich, einen Anklang an die Comédie-Française zu vermitteln. Dazu trägt die nach elf Jahren Ehe mit Sosias sexuell ziemlich unausgelastete und darum beständig keppelnde Charis wesentlich bei.

Auch die Bettszene Alkmenes mit ihrem Jupiter-Amphitryon (Jonas Riemer) beginnt noch ungetrübt. Die Stimmung verdüstert sich jedoch, sobald dem Olympier die eigene Verwandlung zur Last wird und er von Alkmene fordert, zwischen ihm als Liebhaber und ihm als Gatten zu unterscheiden. Auch ein Götterleben scheint öd ohne Liebe.

Von da an ist alles Rolle, und hinter jeder steht gottverloren ein einsames Individuum, das eine Authentizität ersehnt, die es in der von Kleist vorweggenommenen Moderne nicht mehr gibt. Ich ist nicht nur "ein" anderer, sondern zehn, erkennt Amphitryon. Und Regisseur Michael Sturminger badet mit seinen Bühnen- und Kostümverantwortlichen Andreas Donhauser und Renate Martin in einem Karussell ergreifender, an der Grenze zur Stummheit angesiedelter Bilder der individuellen Isolation. (Michael Cerha, DER STANDARD, 15.10.2014)

Bis 21. 11.

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Stadttheater Klagenfurt

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