Simulierte Mars-Mission: Wilde Ideen am außerirdischen Gletscher

19. Oktober 2014, 12:09
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Weltraumforscher erproben 2015 eine Mars-Mission in den Tiroler Bergen und suchen dafür "Analogastronauten"

Wien - Der rötliche Sand rund um den Rio Tinto in Südspanien, die marokkanische Wüste und die Gänge und Hallen der Dachstein-Eishöhlen - sie alle mussten bereits als Probebühne für den Mars herhalten. Nächstes Jahr wird der Kaunertaler Gletscher in Tirol dran sein, den Nachbarplaneten der Erde zu mimen. Sogenannte Analogastronauten, die auf irdischem Trainingsfeld Lösungen für Probleme bei außerirdischen Missionen finden wollen, werden dort die Suche nach Spuren von Leben unter der Oberfläche erproben.

Verpackt in einen 45 Kilo schweren Raumanzug-Simulator werden die Analogastronauten im August 2015 die Routinen eines realistischen Einsatzes durchlaufen. Das Österreichische Weltraumforum (ÖWF), das die Simulation Amadee-15 durchführt, will damit nicht nur einen Beitrag zur Wissenschaft leisten, sondern auch das Thema Raumfahrt wirksam in die Öffentlichkeit tragen.

Dazu gehört auch der Aufruf an Weltraum-Begeisterte, sich selbst als Analogastronaut zu bewerben. Gefragt sind Frauen und Männer aus Technik, Medizin oder Luftfahrt, 25 bis 45 Jahre alt und 1,65 bis 1,90 Meter groß. Sie sollen nicht nur mit dem schweren Anzug, sondern auch mit Lärm, Enge und psychischem Stress zurechtkommen. Ein großes Team wird ihnen bei jedem Handgriff über die Schulter schauen, sagt ÖWF-Obmann Gernot Grömer.

Nach einem mehrstufigen Auswahlverfahren wird sechs Bewerbern eine dreimonatige Ausbildung bestehend aus Wochenendkursen und Fernstudium zuteil. Die Inhalte reichen von Planetologie über psychologische Techniken bis zum Pressetraining.

Mit Videobrille auf dem Mars

Der Kaunertaler Gletscher wurde gewählt, weil seine Geologie jener des Mars ähnelt. Auch dort soll es Blockgletscher, Eis vermischt mit Geröll, gegeben haben. Das Areal auf 3000 Metern wird zum Spielplatz für eine Reihe internationaler Forscherteams. Sie sammeln Daten per Ballon, Rover und Georadar. Nicht nur um Astrobiologie, auch um terrestrische Fragestellungen wolle man sich kümmern, sagt Grömer. So werden Gletscher- und Gewässerforscher im Einsatz sein.

Erstmals soll ein Teil der Mars-Simulation im virtuellen Raum stattfinden. Die italienische Mars Society arbeite an virtuellen Landschaften, die in das Missionssetting eingebunden werden. Routinen in einer Raumstation oder Gefahrensituationen wie der Einschlag kleiner Meteoriten könnten per Videobrille absolviert werden. Man könne das Höhenprofil eines Mars-Kraters einspielen und den virtuellen Schauplatz mit dem realen auf dem Gletscher verbinden. Der Ablauf bleibe da wie dort derselbe - inklusive der simulierten zehnminütigen Funkverzögerung zwischen Außenteam und Kontrollzentrum, die der Distanz zwischen Erde und Mars entspricht.

Das Event werde laut Grömer "einen hohen sechsstelligen Euro-Betrag" kosten. Geld, das durch Industriekooperationen und der öffentlichen Hand aufgebracht werde. Viele Teams würden von der Forschungsförderungsgesellschaft FFG unterstützt, Unternehmen stellten Sachleistungen zur Verfügung, und es gebe eine Menge unentgeltlicher Leistungen Freiwilliger. Engagement, das dem Weltraumverein 2014 eine Sonderausgabe des Journals Astrobiology einbrachte, die von den Experimenten der Marokko-Mission 2013 berichtete.

Auf diese Art soll realen Mars-Missionen ein kleiner Teil Österreich mitgegeben werden. Man wolle "wilde Ideen" erproben, "lernen, die richtigen Fragen zu stellen". Zur wilden Idee einer anderen Initiative, jener von Mars One, die medienwirksam verkündet hat, 2025 eine erste Mars-Kolonie gründen zu wollen, sagt Grömer übrigens: "Wir wünschen ihnen alles Gute." Und: "Enthusiasmus ist notwendig, aber nicht hinreichend." (pum, DER STANDARD, 15.10.2014)


Wissen: Mehr Raum für Weltraum

Nanosatelliten, Projekte in Zusammenarbeit mit der europäischen Weltraumagentur Esa und Technik für die Sonde Rosetta, die im November ein Landemanöver auf einem Kometen durchführen soll: Österreichs Weltraumforschung gibt im Jahr 2014 verstärkte Lebenszeichen von sich. Im Zentrum der Aktivitäten steht das nationale, von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) abgewickelte Weltraumprogramm ASAP (Austrian Space Applications), dessen Mittel heuer von sieben auf etwa acht Millionen Euro erhöht wurden.

Heimische Institutionen sind aber auch in ande- ren Esa-Programmen wie dem Telekommunikatiosprogramm Artes involviert. Harald Posch, Leiter der Agentur für Luft- und Raumfahrt in der FFG, hat heuer für drei Jahre die Position des Vorsitzenden des Esa-Rates übernommen. Im Dezember steht ein wichtiger Termin an. Da entscheidet die Esa-Ministerratskonferenz über die Zukunft der europäischen Trägerrakete Ariane. (pum)

Link
www.oewf.org

  • 2015 wird eine Mars-Mission am Kaunertaler Kletscher simuliert.
    foto: öwf / katja zanella

    2015 wird eine Mars-Mission am Kaunertaler Kletscher simuliert.

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