Gipfel gegen Hetze: Woher die "Underdogs" kommen

Kommentar14. Oktober 2014, 14:45
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Auch Bildungsfragen hätte man beim "Gipfel gegen Hetze und Hass" behandeln müssen

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner hat in ihrem Eingangsstatement beim Gipfel gegen Hetze und Hass etwas Bemerkenswertes gesagt. Die Gesellschaft müsse sich Gedanken darüber machen, warum so viele junge Menschen in Österreich für die Propaganda der Terrorgruppe IS empfänglich sind.

IS-Terroristen würden diesen jungen Menschen Zugehörigkeit und Selbstvertrauen geben und den Eindruck vermitteln, dass diese sich vom "Underdog" zum "Topdog" hochkämpfen können. Folglich müsse man Kinder bereits im Kindergarten zu Toleranz erziehen, "denn Vorurteile sind der Nährboden von Gewalt". Und Junge brauchen Wertschätzung, Perspektiven und Arbeit.

Bemerkenswert ist Mikl-Leitners Statement deshalb, weil man es auch als Selbstkritik betrachten kann. Ist die ÖVP doch - Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz einmal ausgenommen - in den letzten Jahren nicht gerade als Fürsprecherin für Toleranz und als Kämpferin gegen Vorurteile aufgefallen. Im Gegenteil: Sehr oft wurde der Eindruck erweckt, die Volkspartei will die FPÖ rechtsaußen überholen.

Unvergesslich bleibt etwa der Sager von Mikl-Leitners Vorgängerin im Innenministerium, Maria Fekter, die im Jahr 2009 der 15-jährigen von der Abschiebung bedrohten Arigona Zogaj ausrichten ließ: "Ich habe nach den Gesetzen vorzugehen, egal ob mich Rehlein-Augen aus dem Fernseher anstarren oder nicht." Fekters Sager blieb im schwarzen Lager weitgehend unwidersprochen. Den Flüchtlingen in der Votivkirche ließ Mikl-Leitner via Presseaussendung vor einem Jahr ausrichten: "Wer es gut mit diesen Menschen meint, sollte ihnen raten, eines der österreichischen Programme zur freiwilligen Heimreise zu nutzen."

Natürlich wäre es falsch, Mikl-Leitner oder Fekter die Verantwortung für die salafistisch motivierte Radikalisierung von jungen Menschen umzuhängen. Aber mit ihren zynischen Kommentaren zu Zogaj und den Votivkirchen-Flüchtlingen haben sie Migranten in Österreich nicht eben "Zugehörigkeit" und "Vertrauen" signalisiert.

Viele Eltern in diesem Land müssen vergebens darauf hoffen, dass aus ihrem Kind einmal ein "Topdog" wird. Schuld ist ein Bildungssystem, das Bildungsabschlüsse vererbt. Um die Bildungsperspektiven für Arbeiter- und Migrantenkinder ist es in Österreich denkbar schlecht bestellt. Auch das sollte Mikl-Leitner in Zusammenhang mit dem "Kampf gegen den Terror" zu denken geben. Insofern hätten auch Bildungsfragen beim Gipfel auf der Agenda stehen müssen. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 14.10.2014)

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