Wir kennen unsere Nachbarn zwar kaum, aber das Verhältnis ist gut

14. Oktober 2014, 17:05
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Die Österreicher haben wenige Konflikte mit den Nachbarn. Auch der Kontakt hält sich bei vielen in den notwendigsten Grenzen

Wien - Fast 60 Prozent der Österreicher haben kaum oder gar keinen Kontakt zu ihren Nachbarn - und wollen das auch nicht ändern. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Erhebung des Projekts FragNebenan in Kooperation mit der Universität Wien.

Mit 88,4 Prozent gab zwar die überwältigende Mehrheit der Befragten an, ein sehr gutes oder gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn zu haben. Wirklich in die Quere kommt man sich aber nur bei der gelegentlichen Begegnung im Stiegenhaus oder am Gartenzaun. "Ich treffe meine Nachbarn meistens nur zufällig", ist eine Aussage, der 65,8 Prozent sehr oder eher zustimmen.

Jeder fünfte hatte schon Wickel

27,8 Prozent der Befragten fühlen sich beizeiten durch das Verhalten ihrer Nachbarn genervt, bei 22,4 Prozent eskalierte der Überdruss auch schon einmal zum handfesten Streit. Hauptgründe für die Wickel sind Lärm, respektloses Verhalten, mangelnde Sauberkeit, Geruchsbelästigung oder unterschiedliche Auffassungen bezüglich Eigentum und Grenze - etwa bei gemeinsam genutzten Parkplätzen.

Trotzdem zeigt sich mit 63 Prozent eine große Mehrheit solidarisch, wenn die Bewohner nebenan nach Ratschlägen fragen oder etwas ausleihen wollen. 32,6 Prozent laden einander zumindest fallweise zu sich nach Hause oder zu einer gemeinsamen Unternehmung ein.

Die Angst vor ungelegenen Situationen

Das Bedürfnis, mit mehr Nachbarn bekannt zu werden oder die vorhandenen besser kennenzulernen, ist nur bei jeweils rund sieben Prozent stark ausgeprägt. Fast zwei Drittel halten davon nichts oder eher wenig.

Wer keinen bis wenig Kontakt zu den Nachbarn hat, kann meistens kein tieferes Motiv nennen; er ergibt sich einfach nur selten oder gar nicht. Andere Vertreter dieser Gruppe sprechen von Zeitmangel oder der Angst, die Nachbarn zu ungelegenen Situationen zu stören.

Diejenigen, die angeben, viel oder sehr viel Kontakt mit den Menschen in ihrem Wohnumfeld zu halten, kennen vielerlei Gründe: Die meisten versuchen, "ein freundschaftliches Verhältnis zu den Nachbarn aufzubauen", hoffen auf gegenseitige Unterstützung oder wohnen einfach schon so lange nebeneinander, dass sich die Verbindung zwangsweise ergeben hat. 68,9 Prozent dieser Gruppe suchen auch die aktive Annäherung, sollten die Zufallsbegegnungen im Gang oder auf der Straße nicht ausreichen.

Die "zunehmende Isolation in modernen Städten"

1.014 Menschen nahmen an der Studie teil, die Stichprobe entspricht einem repräsentativen Querschnitt der österreichischen Wohnbevölkerung zwischen 16 und 69 Jahren.

Die Erhebung wurde anlässlich der Erweiterung des Projekts FragNebenan durchgeführt. Das Startup-Unternehmen will ein "Netzwerk für urbane Nachbarschaften" aufziehen und eine "Online-Infrastruktur des Ökosystems Nachbarschaft" schaffen. Eine Webplattform soll die gemeinsame Kommunikation gegenüber der Hausverwaltung erleichtern, die Selbstorganisation stärken, Ressourcen in und um das Haus besser verfügbar machen und schließlich auch "die zunehmende Isolation in modernen Städten bekämpfen."

Der erste Prototyp des Portals wird seit Ende Mai in den Wiener Bezirken Mariahilf, Neubau, Josefstadt und Rudolfsheim-Fünfhaus im Echtbetrieb getestet. Am Mittwoch wird das Service für fünf weitere Bezirke freigeschaltet, bis Jahresende soll ganz Wien abgedeckt sein. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 14.10.2014)

  • Solange es nicht zu laut, schmutzig oder geruchsintensiv wird, ist uns ziemlich egal, was die Nachbarn im Stiegenhaus machen.

    Solange es nicht zu laut, schmutzig oder geruchsintensiv wird, ist uns ziemlich egal, was die Nachbarn im Stiegenhaus machen.

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