Die Politlandschaft

14. Oktober 2014, 10:57
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Ein gerüttelt Maß an Zweierlei

Zu schön, zu reich und zu intelligent war für einen infrage kommenden Job bis jetzt nur ein einziger Mann, und dies mit höchster Wahrscheinlichkeit auch noch nur nach eigenen Angaben. Grasser ist jetzt zwar als selbsternannter Quotenmann nominiert, aber in der Breitenwirksamkeit eher vernachlässigbar.

Jedenfalls wurde noch kein Mann bloß anhand seines Äußeren für ein Amt als ungeeignet empfunden. Nicht nur das. Dieses Äußere war üblicherweise ein recht letztrangiges Thema in der Wichtigkeitsskala der öffentlichen Meinung. Gewiss, das Glatzerl von Senior-Pröll, das Mascherl von Schüssel, das Wamperl von Häupl, das Goderl von Junior-Pröll, das Gaumenzapferl von Gusenbauer waren zwar Zielscheibe der Aufmerksamkeit des gemeinen Volkes, wurden aber trotz allen Maulzerreißens definitiv nicht als Kompetenzkriterien herangezogen. Kein Mann war zu schiach oder zu schnucklig, um als kompetent wahrgenommen zu werden.

Bei Frauen sieht es anders aus. Kostümchenbesprechung hin, Frisurkritik da. Ein kurzer Ausflug ins Europäische zeigt, dass auch Merkels Busen als Mediendauerbrenner ein Singledasein fristet, ohne je einen Gegenpart zu erhalten- weder dem Hintern von Sarkozy noch dem Ausschnitt von Cameron wurden je solche Intensitäten zuteil. Die russische Kosmonautin, die sich neben ihren Kollegen der Pressekonferenz stellte, wurde nicht wie diese nur nach ihren Arbeitszielen im All befragt, sondern nach ihrem Make-up. Und das sind noch Blümchen, wie man in Russland zu sagen pflegte, wenn man etwas Deppertes, aber noch nicht ganz Furchtbares meinte. (Trotz aller Hoffnungen war Jelzin beispielsweise leider kein Blümchen).

Ein neuerlicher Tiefpunkt dieses Ungleichen waren Meldungen über Gesundheitsministerin Oberhauser, die mit ihrem Erscheinungsbild gewiss einem ungesunden Lebenswandel frönen würde und damit unbrauchbar sei. Körperfetteinheiten garantierten offenbar ihr mangelndes Wissen und Können. (Diese bis jetzt leider geheim gehaltene Messvorrichtung wäre für die Welt von unbegrenztem Nutzen: Einmal ins Baucherl zwicken, und schon sind alle Eignungen aufgenommen, ausgewertet und kommentiert). Nicht nur ist eine solche Behauptung eine geschmacklose Unterstellung, die darauf abzielt, Frauen nur nach ihrem Erscheinungsbild zu bewerten, als wären sie Zuchtkühe. Mit dieser Logik dürften sich die Kritiker auch nicht von einem rauchenden Lungenfacharzt behandeln lassen oder von einem impotenten Urologen. Bei verrückten Psychiatern wären Zweifel aber tatsächlich angebracht. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 11./12.10.2014)

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