Erdogans Machtspiele

Kolumne13. Oktober 2014, 18:23
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Die Kurden in Kobanê wollen keine türkischen Truppen, sondern Nachschub an Waffen, Munition und vor allem zusätzliche kurdische Kämpfer

Unvergessliche und erschütternde TV-Bilder aus der seit Wochen umkämpften Kurdenstadt Kobanê an der syrisch-türkischen Grenze: Rauchwolken, der Donner der Kanonen, Bombardierung der angreifenden Verbände der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) und Berichte der vor den IS-Terroristen flüchtenden Menschen. Gleichzeitig sieht man in unmittelbarer Nähe des schlichten Drahtzauns an der Grenze dutzende türkische Panzer, die zwar die Stärke der Türkei, aber keineswegs ihre Hilfsbereitschaft demonstrieren sollen, um ein Massaker in Kobanê zu verhindern.

Das Nichtstun der Armee des Nato-Staates trotz rhetorischer Beistandsadressen Ankaras für die belagerte Stadt und für die von den USA viel zu spät organisierte Staatenkoalition gegen den Vormarsch der IS-Kämpfer ist ein zusätzlicher Beweis für das zynische Spiel des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit den Kurden. Nicht nur im eigenen Land, sondern auch in Syrien und im Irak. Sein Premier Ahmet Davutoglu hat zwar vor einigen Tagen versprochen: "Wir werden alles nur Mögliche tun, um den Menschen in Kobanê zu helfen." Die Kurden in Kobanê wollen keine türkischen Truppen, sondern Nachschub an Waffen, Munition und vor allem zusätzliche kurdische Kämpfer. Die türkischen Truppen schlossen aber trotz der verzweifelten Appelle der Kurdenpartei in der Stadt die Grenze, um zu verhindern, dass tausende kurdische Freiwillige aus der Türkei, die den belagerten Brüdern helfen wollten, über die Grenzen gelangten. Im krassen Gegensatz zur Verhinderung der Hilfe für die kurdischen Verteidiger waren die Grenzen zu Syrien bis vor etwa einem halben Jahr für radikale Jihadisten offen. Sie wurden auch massiv unterstützt, solange diese nur gegen den syrischen Präsidenten Assad kämpften.

Während sich die autonome Kurdenregion im Nordirak aus wirtschaftlichen Gründen (Ölexport) mit der Türkei arrangiert hatte, ist die syrische Kurdenenklave eng mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei verbunden. Das Waren- und Waffenembargo gegen die autonome kurdische Region in Syrien ist Teil der komplexen Strategie der Türkei, die verschiedenen kurdischen Gruppen gegeneinander auszuspielen und den eigenen Einfluss in der ganzen Region zu stärken.

Allerdings könnte diese Taktik zur Schwächung der syrischen Kurden das angestrebte und für die Türkei ungleich wichtigere Projekt der Aussöhnung mit den rund 15 Millionen Kurden im eigenen Land und vor allem mit ihrer schlagkräftigsten Vertretung, der PKK, gefährden. Darüber hinaus warnt der frühere Diplomat und Chef des Zentrums für Wirtschaft und Außenpolitik in Istanbul, Sinan Ulgen, vor der gefährlichen, weil ausschließlichen Konzentration auf den Sturz Assads in Syrien. Angesichts der gewaltigen Last der 1,4 Millionen Flüchtlinge aus Syrien, der direkten Bedrohung durch die IS-Terrorgruppen an der Grenze und der gewalttätigen Demonstrationen für die Kurden in Kobanê mit mehr als drei Dutzend Toten in der Türkei besteht laut Ulgen ein dringender Bedarf für die Neuordnung der Prioritäten der türkischen Außenpolitik. Es gehe nicht nur um das Ansehen, sondern auch um die Sicherheit der Türkei selbst. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 14.10.2014)

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