Bosnien: "Ich bleibe sowieso nicht in diesem Land"

13. Oktober 2014, 23:31
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Ethnonationale Parteien bestätigt, Sozialdemokraten verlieren - Republika Srpska: Opposition knapp hinter Dodiks SNSD

Hideo Yamazaki ist ein neuer "Politstar" in Sarajevo. Wie viele Bosnier am Sonntag den japanischen Botschafter ihre Stimme gegeben haben, ist unbekannt. Zumindest wurde aber auf Facebook ein Wahlzettel publiziert, auf dem deutlich der Name des Diplomaten zu lesen ist. Unter den tatsächlichen Kandidaten für das Staatspräsidium schrieb der Wähler einfach "Haut ab!".

Der Frust unter den Bosniern ist so groß, dass viele den Urnengang überhaupt nicht mehr ernst nehmen, sie versuchen der eigenen Ohnmacht wenigstens Humor entgegenzusetzen. So entschied sich einer dafür, Safet Susic, den Trainer der Nationalmannschaft "abzuwählen". "Pape, hau ab!", benutzte er dessen Spitznamen. Ein anderer Wähler schrieb auf seinen Wahlzettel, dass er jenem Menschen seine Stimme geben wolle, der eine Straße nach Nikola Tesla, dem berühmten Wissenschafter, benennen möchte.

Ethnonationale gewinnen

Nach der Wahl sind alle, die Veränderung in Bosnien-Herzegowina wollten, wieder einmal enttäuscht. Der 38-jährige Mustafa N. aus Sarajevo will seine Staatsbürgerschaft abgeben, so sehr ärgert er sich über seine Landsleute, die wieder einmal die ethnonationalen Parteien gewählt haben. Der 26-jährige Student Alen S. meint, dass er zum letzten Mal zur Wahl gegangen sei.

Die bosniakisch-nationale Partei SDA wurde in der Föderation, dem größeren Landesteil von Bosnien-Herzegowina, laut vorläufigen Ergebnissen mit 27,8 Prozent die stärkste Kraft. Am meisten verloren haben hier die Sozialdemokraten (SDP), die nur mehr 9,7 Prozent der Stimmen bekamen. 2010 hatte die SPD in der Föderation noch mit 26,07 Prozent gewonnen. Viele ehemalige SDP-Wähler entschieden sich diesmal für die Demokratska Fronta (DF) des ehemaligen SDP-Manns Zeljko Komsic, die mit 15 Prozent der Stimmen die zweitstärkste Kraft in der Föderation wurde.

Ähnlich depressiv wie in Sarajevo ist trotz superschönen Herbstwetters die Stimmung in Pale in der Republika Srpska (RS). "Es ist doch egal, wer gewinnt, es bleibt doch alles gleich", sagen die meisten Leute, wenn man sie in der Fußgängerzone auf die Wahlen anspricht. In Pale hängen viele Plakate mit dem Antlitz von Sonja Karadzic Jovicevic, die nun für das Parlament der RS kandidierte. Sie ist die Tochter des in Den Haag angeklagten ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serben, Radovan Karadz ic. Eine Mehrheit der Stimmen für ihre Partei, die SDS, ist hier in Pale sowieso normal.

Nationale Identität

Die SDS konnte diesmal aber in der gesamten RS zulegen. Viele Studenten, die in Pale an die Universität gehen, aber aus anderen Teilen der RS kommen, wählten am Sonntag aber wieder Milorad Dodik und seine SNSD. Der 24-jährige Soziologie-Student Nebojsa M. aus Zvornik etwa: "Dodik ist der, der unsere nationale Identität beschützt", sagt er zum Standard. Auch sein Kollege Goran R. hat Dodik gewählt. "Es ist aber egal, ich bleibe sowieso nicht in diesem Land. Hier gibt es keine Zukunft", benennt er die Arbeitslosigkeit, die hier fast allen droht.

Dodik wurde laut vorläufigen Ergebnissen mit 47 Prozent der Stimmen wieder zum Präsidenten der RS gewählt; sein Herausforderer Ognjen Tadic kam ihm allerdings diesmal mit 45 Prozent sehr nahe. Die Opposition in der RS gewann laut den vorläufigen Ergebnissen das Rennen um den serbischen Sitz im Staatspräsidium - wenn auch sehr knapp. Mladen Ivanic bekam nicht einmal 1000 Stimmen mehr als Zeljka Cvijanovic. Die Stimmen der Diaspora fehlen aber noch.

Die Wahl des dreiköpfigen Staatspräsidiums, in dem laut Verfassung ein Bosniake, ein Serbe und ein Kroate sitzen müssen, ist umstritten, weil sie laut Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte alle Bürger, die nicht zu den drei Gruppen gehören, diskriminiert.(Adelheid Wölfl aus Sarajevo, DER STANDARD, 14.10.2014)

  • Anhänger von Bakir Izetbegovics SDA feiern in Sarajevo.
    foto: reuters/dado ruvic

    Anhänger von Bakir Izetbegovics SDA feiern in Sarajevo.

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