Reine Freude gibt es doch

13. Oktober 2014, 17:23
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Nikolaus Harnoncourt und der Concentus Musicus mit Mozart im Musikverein

Wien - Es ist naheliegend, dass jemand, der in der Musik das Rhetorische als besonders bedeutend sieht, selbst auch gern und überzeugend spricht. Und so überrascht Nikolaus Harnoncourt bei fast jedem seiner Musikvereins-Konzerte aufs Neue: nicht damit, dass er zum Mikrofon greift, sondern mit ebenso originellen wie treffenden Formulierungen, mit Frische und Spontaneität. Mit wenigen Sätzen öffnet er die Ohren - diesmal in Bezug auf Mozarts Haffner-Serenade, die als "Braut-Musick" für ein Freiluftkonzert entstand.

Im exzellenten Programmheft von Musikvereins-Archivdirektor Otto Biba steht der wichtige Hinweis, dass der Komponist mit "stillen, aufmerksamen Zuhörern" zu rechnen hatte. Das ist wichtig für das Verständnis der musikalischen Frechheiten, die sich der Zwanzigjährige hier leistete - nach Harnoncourt übrigens im Salzburger Dialekt, in dem er diese "Aufklärungssymphonie für ein ganz junges Paar" als Ehevorbereitung geschrieben habe.

Die Eintönigkeit, sagte der Dirigent, sei dieser Lebensform immanent, und deutete an, dass Mozart auch Streitigkeiten zwischen den Eheleuten anklingen lasse. Beides führte er dann mit dem Concentus Musicus auf frappierende Weise vor: etwa mit der dissonanzzerfurchten Durchführung des Kopfsatzes oder mit dem zweifellos besonders banalen, immer wiederkehrenden Orchesterritornell im ersten (Rondo-) Andante. Und selbstverständlich arbeitete er auch zum Beispiel jene Stelle im dritten Menuett heraus, wo die Musik - für Mozarts Zeit auf irrwitzige Weise - harmonisch in die Irre geht, nachdem die beiden Schwestersätze ungewöhnlich düstere Züge erhielten.

"Die reine Freude gibt's nicht" - das sei die Warnung des Werks an das junge Paar, dem freilich eine Solovioline auch innige bis lebhafte Botschaften vermittelte. Wunderbar, wie Erich Höbarth vom Konzertmeisterpult in diese Rolle schlüpfte: ganz unprätentiös, beredt, mit kostbarem, süßem, aber nicht süßlichem Klang und mit beredter, vollkommen natürlich wirkender Virtuosität.

Spontaner Zwischenapplaus wie im 18. Jahrhundert war da geradezu zwingend, sodass diesmal an historisch informierter Aufführungspraxis auch das Publikum beteiligt war. Und die "Linzer" Symphonie zeigte dann, wie lebensnah und frisch auch das Altbekannte erstehen kann: mit Furor, Gesanglichkeit, rauen Bruchstellen und zarten Phrasierungen. Die reine Freude gibt es doch. (Daniel Ender, DER STANDARD, 14.10.2014)

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