Wilhelm Genazino: Große Unruhe im klein abgesteckten Rahmen

13. Oktober 2014, 17:07
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Einblicke in das Treiben eines Antriebslosen: Der Büchnerpreisträger erzählt in seinem neuen Roman "Bei Regen im Saal" eine weitere Verfallsbiografie

Wien/Graz - Da steht einer am Buffet, fühlt seine Unruhe, riecht den Gummi von Rolltreppen an seinen Fingern und überlegt sich, "warum mir Gelassenheit manchmal gelang und manchmal nicht". Von diesen ersten Sätzen an vermeint man es mit den Gedankengängen eines Einsamen und einem sogenannten kleinen Leben zu tun zu haben. Man ist in einem Werk von Wilhelm Genazino.

Der Büchnerpreisträger gilt zu Recht als Meister des Angestelltenromans. Er hat einige Varianten dieser oft leicht skurrilen Erzählungen aus der Perspektive scheinbar durchschnittlicher Figuren geschaffen und dabei einfühlsam, in präzisen Worten unter die Oberfläche des Mittelmäßigen geführt. Es sind Bücher der großen Unruhe im klein abgesteckten Rahmen, dessen Lebensfluss unversehens, zugleich unaufdringlich mit ungewöhnlichen Sätzen über die Ufer schwappen kann.

Der Roman Bei Regen im Saal (Hanser-Verlag) kommt nun aus der Sicht eines Ichs, dem der Antrieb zum Angestellten fehlt. Sein Name fällt nur ein einziges Mal, bei einem Familientreffen, bei denen man sich nichts zu sagen hat. In Frankfurt am Main (wo Genazino lebt) arbeitet dieser Reinhard nachts als Barkeeper und dann Rezeptionist in einem Hotel.

Zu mehr vermochte und wollte er es nicht bringen, obwohl er sein "überlanges" Studium der Philosophie mit einer Doktorarbeit über Kant abgeschlossen hat. Er verspürt eine diffuse Müdigkeit: "Eines meiner Probleme war, dass ich mich für fast alles zu alt fühlte. Ich war vierundvierzig oder achtundvierzig, vielleicht aber auch erst einundvierzig. Wie meine Mutter hatte ich angefangen, mein genaues Alter nicht mehr wissen zu wollen."

Mutter als Vergleichsgröße

Die verstorbene Mutter ist ihm stets eine Vergleichsgröße, nicht nur für seine Geliebte Sonja, vor allem für deren Brüste (aber auch für jene von anderen Frauen). Sonja hat eine gute Stellung im Finanzamt; Reinhards mangelnder Berufseinsatz und sein Abgleiten in die Verwahrlosung stören sie. Sie heiratet einen Kollegen, verbeamtet derart ihr Privatleben. Schließlich kehrt sie doch zu Reinhard zurück, der mittlerweile als Lokalredakteur ins Provinzielle des Taunus-Anzeigers abgerutscht ist.

Viel mehr an Entwicklung der äußeren Handlung bietet der Roman nicht. Er liefert jedoch eine Milieustudie, Einblicke in das Treiben eines Antriebslosen. Einen großen Teil seiner Zeit verbringt er mit Beobachtungen von Passanten und Vögeln, mit der Betrachtung von Schaufenstern und mit Erinnerungen, besonders natürlich an die Mutter.

Es ist die Welt eines Kleinbürgers aus dem akademischen Prekariat der Medien- und Kapitalismus-Postmoderne. "Meine innere Tendenz, die äußeren Probleme der Welt zu verkleinern", klingt nach Spießertum. Die heutigen Spießer hingegen zeigen durchaus den Ehrgeiz der Bobos. Dieses Ich eines unspektakulären Mannes steht meist außerhalb des Geschehens, seine Sätze vollführen mitunter seltsame Sprünge: "Ich liebte ihren Busen und beobachtete durch die gläserne Balkontür die Amseln."

Kaum merklich steigert Genazino bis zur Mitte des Romans den Eindruck der Unruhe und Unzufriedenheit seiner Figur, die zwar Fluchtgedanken hegt, aber doch im Gewohnten hängt: "Wieder erlebte ich mit Sonja die große Freude darüber, dass es das Naheliegende gab und dass ich es kannte." Unter diesen Umständen bleibt dem Menschen kein großer Handlungsraum; was er macht, sind Verrichtungen. Der Sex hilft gegen Langeweile.

"Du duckst dich gern weg", sagt Sonja. Ob er nicht merke, "wie die Eigenbrötelei mehr und mehr zu einer Abkapslung führt, sogar wenn wir im Bett liegen"? Das Leben kommt dem Distanzierten wie eine dunkel getönte Rhapsodie vor, ohne dass er genau zu sagen wüsste, was er damit meint. Und sofort wenden sich die Gedanken dem Naheliegenden zu: "Sicher war nur, dass ich Hunger verspürte. Ein Problem war, dass ich heute Morgen mein Haar nicht gewaschen hatte."

In der Mitte des Romans stellt sich dieser Adept des Gewöhnlichen die Frage, wie man das Schwanken einer Biografie beendet. Seine Lösung ist der Zufall, die Veränderung verläuft sich wieder im Kleinen. Für den Taunus-Anzeiger schreibt der akademische Kleinbürger seinen ersten Beitrag über die Orchideenausstellung im Palmengarten.

In Genazinos Prosa wirkt das alles stilistisch gekonnt; die Dialoge klingen alltäglich und haben doch einen merkwürdigen Nachgeschmack. Allerdings verstärkt sich bei der Lektüre eine Empfindung, die dem grundlegenden Problem des Romans geschuldet ist: Erzählen ist Auswählen, Herausheben - was aber aus wenig Herausragendem erzählen? Auf die Dauer versanden die Belanglosigkeiten, und die Langeweile wird langweilig. Freilich: Wer Genazinos Literatur mag, wird auch dieses Buch mögen. (Klaus Zeyringer, DER STANDARD, 14.10.2014)

  • Wilhelm Genazino liest am 16. Oktober um 20 Uhr im Literaturhaus Graz aus dem besprochenen Band.
  • Fragt, warum die Gelassenheit nur manchmal gelingt: der Autor Wilhelm Genazino.
    foto: epa / julian martin

    Fragt, warum die Gelassenheit nur manchmal gelingt: der Autor Wilhelm Genazino.


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