"Ariadne auf Naxos": Die unerhörte Leichtigkeit des mythologischen Seins

13. Oktober 2014, 20:37
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Christian Thielemann wird bei seinem Dirigat von Richard Strauss' Oper an der Wiener Staatsoper triumphal gefeiert. Ein paar wenige Einwände betreffs mangelnder Dezenz gibt es dennoch

Wien - Im richtigen Leben kennen Last und Lust, Ernst und Heiterkeit, Gravitas und Trallala meist ein wechselvolles, gleichberechtigtes Miteinander; in der Oper, bei der die Dinge meist zum Äußersten tendieren, geht das nicht so leicht. Die beiden großen Zauberkünstler Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal haben mit Ariadne auf Naxos eine Oper geschrieben, in der sich Tragödie und Komödie zwar anfangs heftig fetzen, am Ende aber fast voneinander profitieren; eine Oper auch über den Opernbetrieb, in welcher sich der Komponist und der Dichter ein wenig über sich selbst lustig machen, wenn auch auf die allerschönste Weise.

Diese Preziose ins rechte Licht zu rücken und zum Glänzen zu bringen, wurde Christian Thielemann an die Wiener Staatsoper geladen - man spendierte dem allseits adorierten Chefdirigenten der Staatskapelle Dresden sogar zwei Orchesterproben. Thielemann und das Staatsopernorchester gingen die Dinge fast etwas übermotiviert an: Im Vorspiel hatte das Schwelgen und Schwärmen oft einen gepressten, strapazierten Beiklang, einige Streichersoli gerieten zu derb-kraftmeierisch. Oft fehlte es auch in der Begleitung an Dezenz, etwa in der Szene von Komponist und Zerbinetta am Ende.

Auch noch in der Ouvertüre zur Oper in der Oper hatte die Inbrunst oft eine bedrückende, schwergewichtige Note; zu Soile Isokoskis edler, zarter Interpretation von "Ein Schönes war" tönte es buhlend aus dem Orchestergraben. Im Lauf der zweiten Hälfte des Werks löste sich alles Drückende in Wohlgefallen auf, gerieten die Dinge in berauschenden Fluss. Chapeau. Trotzdem: Da hat etwa Frédéric Chaslin Massenets Manon vor einigen Wochen ohne Orchesterprobe bereichernder, berauschender hinbekommen.

Zwei Bühnenroutiniers waren in Rollendebüts zu erleben: Soile Isokoski musste die Operndiva in der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf schauspielerisch fast etwas ordinär anlegen, setzte in der Interpretation der Titelpartie sängerisch aber ganz auf edle Dezenz und Ruhe, wenn sich auch der Glanz ihres Soprans nicht mehr so selbstverständlich einstellte wie einst. Johan Botha sang den Bacchus entspannt und sicher.

Souverän, reizend und ebenmäßig Daniela Fally als Zerbinetta; Sophie Koch sang in kecker, kraftvoller Weise den Komponisten - meistens jedenfalls. Eine Augen- und Gemütsweide, und auch für die Ohren ganz vergnüglich: Najade (Valentina Nafornita), Dryade (Rachel Frenkel) und Echo (Olga Bezsmertna). Eindrucksvoll Adam Plachetka als Harlekin. Peter Matic gab einen fast zu entspannten, enttäuschend wenig hochnäsigen Haushofmeister. Der finalen Begeisterung für den Dirigenten Rechnung tragend, müsste der Herbert-von-Karajan-Platz wohl in Bälde in Christian-Thielemann-Platz umbenannt werden. (Stefan Ender, DER STANDARD, 14.10.2014)

15., 18., 21., 23.10.

  • Daniela Fally (Sopran) als Gute-Laune-Zerbinetta in "Ariadne auf Naxos" an der Wiener Staatsoper.
    foto: staatsoper / michael poehn

    Daniela Fally (Sopran) als Gute-Laune-Zerbinetta in "Ariadne auf Naxos" an der Wiener Staatsoper.

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