Warum die Bitcoin-Euphorie übertrieben ist

Userkommentar17. Oktober 2014, 09:53
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Die freudige Erwartung gegenüber virtuell geschaffenem Geld kann als Paradebeispiel für verkürztes Denken gelten

Geld, das auf Dauer seine verschiedenen Funktionen erfüllen können soll – vor allem als Tauschmittel von Wirtschaftsleistungen zu dienen –, muss in seinem Wesen verstanden worden sein: Es ist an die Erschaffung realer Werte gebunden.

Nicht weit genug gedacht

Die allgemeine Beschränktheit des Denkens liegt im speziellen Fall darin: Für Geld – sofern es nicht im lediglich virtuellen Bereich, beispielsweise spekulativ, also nicht als Bezahlmittel realer Leistungen verwendet wird – sollen ja Güter und Dienste gehandelt werden.

Das Angebot solcher Produkte und Services entsteht durch zu bezahlende Faktoren wie derzeit zumeist noch durch menschliche Arbeitskräfte und traditionelle Produktionsmittel, zunehmend aber auch durch die Entwicklung "intelligenter" Roboter, das heißt durch Künstliche Intelligenz komplex fungierender Geräte. In einem auf Dauer ("nachhaltig") angelegten Wirtschaftssystem muss folglich eine fortwährende Entsprechung von Geldgebrauch und Leistungsvolumen gegeben sein.

Gemeinsames Leistungspotenzial

Offizielle Währungen wie Euro beruhen auf dem gemeinsamen Leistungspotenzial der ihnen entsprechenden Volkswirtschaften, obwohl das anscheinend auch den offiziellen Währungshütern nicht voll bewusst ist.

Hilfsweise ist der Euro gesetzlich auf ein nachgeordnetes Ziel gerichtet, nämlich Inflation zu steuern. Inflation entsteht, wenn mehr Kaufansprüche durch Geld zu verwirklichen versucht wird als Leistungen zum Verkauf angeboten werden und deshalb die Nachfrager bereit sind, einen höheren Preis zu akzeptieren.

Bitcoins vermehren potenziell solche Kaufansprüche ohne für die Bereitstellung entsprechender Wirtschaftsleistungen zu sorgen. So lange und so weit offizielle Währungen ebenfalls zur Spekulation virtueller Werte und nicht zur Nachfrage angebotener Waren verwendet werden, vermag das nicht- offizielle Geld einen Ausgleich von Warenangebot und Warennachfrage zu bewirken, der durch die auseinanderdriftende Geldverfügbarkeit ärmerer und reicherer Bevölkerungsgruppen bzw. Länder nicht erreicht wird. Doch gegenwärtig schaffen weder legitime noch illegitime Währungen diesen Ausgleich.

Ordnungspolitisch besorgte Regierungen vermeinen, durch finanzielle Maßnahmen allein wirtschaftliche Turbulenzen überwinden zu können, weshalb etwa die Federal Reserve Bank der USA ebenso wie die Europäische Zentralbank (zuvor die japanische Nationalbank) bisher unbekannt große Geldmengen (virtuell) zu niedrigstem Zins den Geschäftsbanken anbieten.

Angst vor Deflation

Doch auch diese offiziellen Geldmittel werden zu einem weit höheren Anteil wiederum zur virtuellen Spekulation mit entsprechend steigenden Kursen verwendet als für die Erschaffung realer Wirtschaftsleistungen. Wirtschaftspolitische Programme und der "Kampf gegen die Arbeitslosigkeit" – vor allem hinsichtlich grassierender Erwerbslosigkeit Jugendlicher – verlaufen dann wenig überraschend ziemlich erfolglos und die Angst vor Deflation geht um.

Würde das beschränkte Denken einem nur geringfügig komplexeren Denken und entsprechenden Handeln weichen, ließe sich Erfolg, aber auch ein allmähliches wirtschaftliches Umdenken erwarten: Es müsste der innere Zusammenhang von Bedarf, Leistungsvermögen und Geldgebrauch verstanden werden.

Aber diese Interdependenz zu begreifen überfordert anscheinend die Regierungen; in moneyistischen Vorstellungen verfangen setzen sie allein auf Geldpolitik ohne die objektiv dazu gehörende Wirtschaftspolitik zu betreiben. In dieser beschränkten Sicht ähneln sie den Bitcoin-Produzenten und Bitcoin-Spekulanten. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die einen offizielle, die anderen nicht-offizielle Währungen vertreten. (Paul Kellermann, derStandard.at, 17.10.2014)

Paul Kellermann ist Professor am Institut für Soziologie der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

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