Koller nach Sieg: "Zwischenschritt"

13. Oktober 2014, 14:25
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Österreich ist nach dem 1:0 gegen Montenegro Tabellenführer in der EM-Qualifikationsgruppe G. Marcel Koller war über den gezeigten Fußball erfreut, spricht allerdings von einer "Momentaufnahme. Entscheidend ist das Zielfoto"

Wien – Teamchef Marcel Koller hat sich am Montagvormittag die ersten 17 Minuten des Spiels vom Vortag gegen Montenegro auf seinem Laptop angeschaut. Und der Schweizer war von seinen Österreichern nahezu begeistert. "Es hat wirklich gut ausgesehen, die Jungs haben den Plan von Anfang an durchgezogen, da waren schöne Spielzüge dabei, jeder ist für jeden gerannt, alle haben Verantwortung übernommen." Er wird auch noch den Rest analysieren, dass Rubin Okotie in der 24. Minute das Siegestor geschossen hat, weiß er selbstverständlich. Der 53-Jährige wird die vielen vergebenen Chancen begutachten, ohne angespannt zu sein. "Im Stadion war es extrem. Ich wartete vergeblich auf das zweite Tor, auf die Erlösung." Er erinnerte an die 87. Minute, an den "Weltklassereflex" von Tormann Robert Almer. "Es wäre ein völlig unverdientes Unentschieden gewesen." Die fehlende Kaltblütigkeit und Abgebrühtheit vor dem Tor habe nur einen Vorteil. "Aufgrund des knappen Resultats bleibt die Euphorie im Rahmen."

Die Momentaufnahme ist erfreulich. Sieben Punkte aus drei Partien, Tabellenführung in der Gruppe G, die EM 2016 in Frankreich scheint überhaupt keine Utopie zu sein. Wird man Erster oder Zweiter, spart man sich das Playoff gegen einen anderen Dritten. Koller: "Die Tabelle sieht hervorragend aus, aber das ist nur ein Zwischenschritt. Ich stelle keine Hochrechnungen an. Es wird ein harter, steiniger Weg für uns. Entscheidend ist nicht die Momentaufnahme, sondern das Zielfoto."

24 Spiele, 13 Siege

Koller, seit Oktober 2011 im Amt, weist eine gute Bilanz auf: 24 Spiele, 13 Siege, vier Unentschieden, sieben Niederlagen. Ob die Partie gegen Montenegro die bisher auffälligste war? "Sie zählt zu den Top drei, das klingt gut." Es habe gedauert, "dass wir zusammenkommen und meine Ideen verwirklicht werden. Ich musste dem einen oder anderen mehrmals auf den Schlips treten, damit die Bequemlichkeit, die möglicherweise zur österreichischen Mentalität gehört, wegkommt. Achtzig Prozent reichen im Fußball nie, es müssen hundert sein."

Marko Arnautovic lieferte gegen Montenegro vermutlich sein bestes Länderspiel ab. Koller über sein Verhältnis zum nicht unumstrittenen Stürmer: " Das ist eine lange Geschichte. Er hat unlängst gemeckert, dass er zu wenig Bälle bekommt. Ich habe ihm gesagt, er soll sich halt mehr bewegen. Er hat sich bewegt und Bälle bekommen." Arnautovic hat eine gewisse Bescheidenheit akzeptiert. Er sagte: "Es geht nicht um mich. Das Team und der Erfolg sind wichtig." Aufgrund eines Schlages gegen die Hüfte musste er in der 62. Minute ausgetauscht werden. Für ihn kam Lukas Hinterseer, der Sekunden nach der Einwechslung den Ball mitten ins Gesicht geschossen bekam. Er fasste sich ständig an die Nase, meinte, er blute. Nach Abpfiff konnte er sich an nichts erinnern, auch nicht an die Chance, die er lachhaft vergeben hatte. Koller: "Die Gehirnerschütterung ist eine Erklärung. Verrückt, dass er nichts gesagt und durchgehalten hat."

Extralob für Baumgartlinger

Der Teamchef lobte ausdrücklich Julian Baumgartlinger, der "wie eine Maschine rennt. Er will bei jedem Ball und Zweikampf dabei sein." Koller trifft die richtigen Entscheidungen, hält an seinem Personal fest. Am praxislosen Almer, an Kapitän Christian Fuchs, an Australien-Legionär Marc Janko. Dass der gesperrte Janko durch Okotie ersetzt wurde, war auch eine gute Idee. "Darum bin ich ja Trainer, ich will nicht protzen. Ich erkenne, wer ein guter Fußballer ist und akzeptiere, wenn er Probleme hat." Almer sagte: "Die Leute warten, dass ich an Bällen vorbeifliege. Bisher vergeblich."

Koller wird sich ab sofort mit dem nächsten Gegner, mit Russland beschäftigen. Das Beisammensein findet am 15. November in Wien statt. "Ob sie Probleme haben, ist egal. Wir schauen nicht nach rechts, nicht nach links, sondern geradeaus." Zwei Tage werde er den Erfolg gegen Montenegro genießen. "Genuss ist eine nette österreichische Eigenschaft." (Christian Hackl, DER STANDARD, 14.10.2014)

  • Entfesselt: Marcel Koller.
    foto: apa/epa/hochmuth

    Entfesselt: Marcel Koller.

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