Ärzte in Westafrika: Ebola-Hilfe ohne Körperkontakt 

13. Oktober 2014, 07:30
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In westafrikanischen Ebola-Gebieten werden Ärzte und Pflegepersonal aus Angst vor Ansteckung gemieden. Zustand der erkrankten Pflegerin in Spanien hat sich verbessert

Monrovia/Washington/Wien - Michael Kühnel sieht es als Verpflichtung an, nach Liberia zu reisen. Der 38-jährige Allgemeinmediziner aus Wien ist seit 15 Jahren ehrenamtlich fürs Rote Kreuz tätig und war schon bei Hilfseinsätzen nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti und nach dem Tsunami in Indonesien dabei. Nun fliegt er in das westafrikanische Land, das am stärksten von der tödlichen Ebola-Epidemie betroffen ist - rund 4000 Menschen infizierten sich dort bisher mit dem Virus, mehr als 2200 starben. Kühnel wird in Liberia mit einem internationalen Team Ärzte und Pfleger im Umgang mit Schutzmaßnahmen schulen.

Angst vor einer Ansteckung hat Kühnel nicht, jedoch Respekt. "Das Risiko ist kalkulierbar. Ich weiß, dass ich ab dem Zeitpunkt, wo ich das Zimmer verlasse, aufpassen muss, bis ich wieder drin bin." Zudem gebe es Standards, "an die man sich halten muss". Dazu gehöre beispielsweise der gänzliche Verzicht auf Körperberührungen. Im Sommer war der Rotkreuz-Experte bereits in Sierra Leone im Einsatz. "Damals gab es vier Wochen lang keinen Körperkontakt, kein Händeschütteln, gar nichts."

Der Einsatz von Michael Kühnel in Liberia soll bis 19. November dauern. Nach seiner Rückkehr darf der Allgemeinmediziner während der dreiwöchigen Inkubationszeit nicht mit Patienten arbeiten. Außerdem ist er dazu angehalten, Menschenmengen zu meiden.

Helfer stigmatisiert

In Liberia, aber auch in Guinea und Sierra Leone, wächst die Stigmatisierung von Ärzten, Helfen und Pflegern. Menschen, die in Kliniken arbeiten oder Ebola-Tote bergen und bestatten, werden aus ihren Wohnungen geworfen. Wer einen Job im Gesundheitsbereich hat, versucht das zu verheimlichen. "Wir vermeiden es, unsere Uniformen in der Öffentlichkeit zu tragen, weil uns dann alle meiden", sagt die Krankenschwester Mabel Saybay aus Monrovia. Sie ziehe sich erst im Krankenhaus um.

Die Unwissenheit in Bezug auf Ebola und die Furcht vor dem tödlichen Fieber sitzen tief. Auch wenn das Virus erst übertragen wird, wenn eine Infizierter Symptome zeigt. Zudem wird Ebola laut den Gesundheitsbehörden nur durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten wie Blut, Urin oder Erbrochenem übertragen.

Für Irritation sorgt in den westafrikanischen Ländern auch die hohe Aufregung über einzelne Ebola-Fälle in den USA und Europa, die in keinem Vergleich zum tagtäglichen Grauen in den betroffenen Regionen stehen.

Immer mehr internationale Flughäfen führen Kontrollen und Fiebermessungen für Passagiere, die aus Westafrika kommen, ein; am Wochenende etwa in Israel, Serbien und auf US-Airports in New York, Washington, Chicago und Atlanta.

Screening für Flüchtlinge

In Deutschland und in Österreich wird es vorerst kein sogenanntes Thermoscreening geben. Der Aufwand sei extrem hoch, der Nutzen zugleich sehr zweifelhaft, teilten die Behörden mit. Erfahrungen aus der Influenza-Pandemie 2009/2010 haben gezeigt, dass viele Passagiere vorsorglich fiebersenkende Mittel eingenommen hatten, um sich auf jeden Fall Unannehmlichkeiten zu ersparen. In Asylwerber-Erstaufnahmezentren in Österreich wird Flüchtlingen aus den Krisenregionen angeboten, im Rahmen des üblichen Gesundheitschecks ein spezielles Fieberscreening zu machen.

Zweiter Fall in den USA

In den USA gibt es inzwischen einen zweiten Ebola-Fall. Betroffen sei eine Pflegekraft, die an der Behandlung des ersten, inzwischen verstorbenen Patienten in einem Krankenhaus in Dallas beteiligt gewesen sei, gab das Gesundheitsamt von Texas am Sonntag bekannt. Nun werde geprüft, wer mit der Pflegerin Kontakt gehabt habe. Eine "Lücke im Protokoll" soll zu ihrer Erkrankung, der ersten bekannten Ansteckung innerhalb der USA, geführt haben, sagte der Chef der CDC (Centers for Disease Control and Prevention), Thomas Frieden, am Sonntag.

Ein weiterer Verdachtsfall in Boston erwies sich am Montag wohl als Fehlalarm. Laut einem Statement aus dem Beth Israel Deaconess Medical Center in der Hauptstadt des Bundesstaats Massachusetts "erfüllt der Zustand des Patienten nicht die Kriterien, die die CDC für Ebola aufgestellt haben, und die Wahrscheinlichkeit einer Ebola-Ansteckung ist extrem niedrig." Der Mann bleibt vorerst dennoch in Quarantäne.

Hoffnung für spanische Patientin

Am Sonntag haben sich die spanischen Behörden vorsichtig optimistisch zu den Heilungschancen der mit Ebola infizierten Krankenschwester in Madrid geäußert. Die 44-Jährige sei noch nicht außer Gefahr, aber es bestehe die große Hoffnung, dass die Krankheit bei ihr langsam unter Kontrolle gebracht werde, erklärte das Gesundheitsministerium am Sonntag. Das Virus im Körper der Frau sei auf dem Rückmarsch.

Der Zustand von Teresa Romero sei ernst, aber offenbar stabil. Die Krankenschwester ist der erste Mensch, der sich nachweislich in Europa mit Ebola angesteckt hat, seitdem die Krankheit in Westafrika ausbrach. Dort sind mittlerweile mehr als 4000 Menschen an der Seuche gestorben.

Die Pflegerin hatte einen Priester betreut, der aus dem Ebola-Gebiet zur Behandlung nach Spanien verlegt worden war und später starb. Vor ein paar Tagen verschlechterte sich ihr Zustand zunächst. Am Samstagabend war sie aber ansprechbar, nachdem ihr Antikörper von zuvor infizierten Patienten verabreicht worden waren. (APA/Reuters/simo, DER STANDARD, 12.10.2014)

  • Der Wiener Allgemeinmediziner Michael Kühnel fliegt für einen Ebola-Hilfseinsatz des Roten Kreuzes nach Liberia. Das Bild zeigt ihn bei seinem vergangenen Einsatz in Sierra Leone.
    foto: apa/örk/katherine müller

    Der Wiener Allgemeinmediziner Michael Kühnel fliegt für einen Ebola-Hilfseinsatz des Roten Kreuzes nach Liberia. Das Bild zeigt ihn bei seinem vergangenen Einsatz in Sierra Leone.

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