Noch ist der Weltmeister nicht panisch

12. Oktober 2014, 17:25
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Deutschlands Fußballer haben trotz spielerischer Überlegenheit mit 0:2 in Polen verloren. Die EM-Quali ist noch jung, die Sorgenfalten sind noch nicht tief

Warschau - Gleich mehrere Serien rissen am Samstagabend im Nationalstadion zu Warschau für Deutschlands Fußball-Nationalteam. Das 0:2 gegen Polen in der zweiten Runde der EM-Qualifikation war die erste Niederlage des DFB-Teams im 19. Duell mit dem Nachbarn. Die letzte Pflichtspielniederlage passierte dem damals noch nicht vierfachen Weltmeister im Juni 2012 im selben Stadion - im Halbfinale der EM gegen Italien (1:2).

Erstmals seit sieben Jahren, seit dem 17. Oktober 2007 und dem 0:3 gegen Tschechien in München in der Quali für die EM 2008, verlor Deutschland ein Qualifikationsspiel. 33 Partien lang war dies Deutschland bis Samstag nicht passiert. Seit dem 0:1 in der Türkei am 10. Oktober 1998, also seit 16 Jahren, verlor Deutschland erstmals wieder auswärts in einer EM-Qualifikation. Dass es die höchste Niederlage in einem Qualifikationsspiel für Deutschland überhaupt war, spricht insgesamt nicht gegen den Weltmeister.

Trotzdem fragte die Bild-Zeitung, da das DFB-Team ja schon Anfang September in der WM-Finalrevanche Argentinien mit 2:4 unterlag: "Jogi, was ist bloß mit unseren Weltmeistern los?"

Abschlussschwäche

Joachim "Jogi" Löw, der Trainer, findet eigentlich nicht, dass viel los ist mit seinen Weltmeistern. Nur die Chancenauswertung, die habe in Warschau nicht gepasst. "Die gravierende Abschlussschwäche ist das Hauptthema bei uns", sagte Löw. Spielerisch war sein Team überlegen. In Torschüssen drückte sich dies in 28:5 aus, in Ballbesitz in 63:37 Prozent. "Wir haben vor dem Tor nicht die richtigen Entscheidungen getroffen", sagte Bayern-Stürmer Thomas Müller.

Den Polen war das recht. Sie lauerten auf ihre Konterchancen, das funktionierte. Arkadiusz Milik brachte den Gastgeber vor knapp 57.000 Zuschauern nach Maßflanke von Lukasz Piszczek in Minute 51 in Führung. Manuel Neuer kam zögerlich aus dem Tor und zu spät: "Mein Fehler." Der Ex-Austrianer Sebastian Mila machte nach Vorarbeit des Bayern-Stürmers Robert Lewandowski in der 88. Minute alles klar.

"Den Unterschied hat gemacht, dass wir unsere Chancen genutzt haben", hielt Piszczek fest. Und: "Wir haben Geschichte geschrieben." Die Zeitung Fakt schrieb weniger sachlich: "Weltmeister Deutschland auf den Knien. Historische polnische Spieler. Ihr seid großartig!"

Polen führt nun die Gruppe D mit zwei Siegen aus zwei Spielen vor den punktegleichen Iren an. Das Team von Trainer Martin O'Neill hatte in Dublin keine Probleme mit Gibraltar (7:0). Robbie Keane traf dreimal innert zwölf Minuten. Der 34-Jährige löste mit nun 21 Treffern den Türken Hakan Sükür als Rekordtorschützen in der EM-Qualifikation ab.

Deutschland ist nur Dritter. Löw sieht aber noch "keine großen Probleme in der Qualifikation". Am Dienstag gastieren die Iren in Gelsenkirchen. Löw vermutet einen ähnlich agierenden Gegner wie am Samstag, einen defensiven, konternden. Also? "Wir werden darüber sprechen, wie unser Torabschluss sein muss." Und: "Wir müssen eine Reaktion zeigen." Viel ändern kann Löw nicht.

Die abgetretenen Weltmeister Miroslav Klose, Philipp Lahm und Per Mertesacker werden nicht plötzlich ein Comeback geben. Genauso wenig wie die verletzten Mannschaftsstützen Mesut Özil, Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger und Mario Gomez. Der Gegner jedenfalls ist motiviert. "Wir fahren nicht dahin, um nur dabei zu sein. Wir wollen etwas mitnehmen. Und ich denke, mit diesem Team können wir das schaffen", sagte Keane.

Polen empfängt am Dienstag die Schotten, die Georgien am Samstag in Glasgow mit 1:0 besiegt hatten. Vorerst aber dominierte der historische Erfolg gegen Deutschland die Schlagzeilen. Die Tageszeitung Gazeta Wyborcza schrieb: "Wenn man bislang nicht an Wunder geglaubt hat, konnte man nun eines mit den eigenen Augen verfolgen." (sid, rie, DER STANDARD, 13.10.2014)

  • Polens Torschützen Sebastian Mila (links) und Arkadiusz Milik feierten,  ein ganzes Land jubelte mit seinen Fußballern.
    foto: epa/bartlomiej zborowski

    Polens Torschützen Sebastian Mila (links) und Arkadiusz Milik feierten, ein ganzes Land jubelte mit seinen Fußballern.

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