Das Gesicht der irakischen Jesiden 

Kopf des Tages12. Oktober 2014, 17:12
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Vian Dakhil kämpft für das Überleben ihrer religiösen Minderheit

Zwangskonversion, Vergewaltigung, Sklaverei: Als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" an Erwachsenen und Kindern fasst die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in ihrem Bericht zusammen, was den irakischen Jesiden und Jesidinnen, die in die Hände des "Islamischen Staats" (IS) fielen, widerfuhr. Wenig wusste man bis zum Vormarsch der Jihadisten über die kleine, abgeschlossen lebende Minderheit im Nordirak mit ihren bunten Gewändern und ihrem heterodoxen Glauben, der Islamisten ein Dorn im Auge ist. Erst seit kurzem haben die Jesiden auch ein weithin bekanntes öffentliches Gesicht: Vian Dakhil.

Die irakische Parlamentarierin, die die Welt mit einer auf Youtube verbreiteten Rede vor dem Parlament in Bagdad wachrüttelte, wurde auch mit dem Anna-Politkowskaja-Preis ausgezeichnet, der jährlich im Gedenken an die ermordete russische Menschenrechtlerin vergeben wird. Sie habe den jesidischen und irakischen Frauen eine Stimme verliehen, hieß es in der Begründung der Jury.

Vian Dakhil ist die einzige Jesidin im irakischen Parlament, sie sitzt auf einem Mandat der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) von Kurdenpräsident Massud Barzani und bezeichnet sich als ethnische Kurdin (was nicht alle Jesiden tun). Die 43-Jährige wurde in Mossul geboren, in eine Familie, die der modernen oberen Mittelschicht angehört: Ihr Vater und ein Bruder sind ebenfalls in der Politik, die übrigen Geschwister sind alle Mediziner.

"Wir werden abgeschlachtet, unsere Religion wird ausgelöscht", rief Dakhil am 5. August den irakischen Volksvertretern zu - viele davon Islamisten -, bevor sie weinend zusammenbrach. Eine Woche später verunglückte der Hubschrauber, mit dem sie auf einer Hilfsmission für die damals von der IS in Sinjar eingeschlossenen Jesiden unterwegs war. Für Vian Dakhil ging der Unfall mit einer Beinverletzung glimpflich aus, der Pilot starb.

Ihren neuen Ruhm benützt die modern gekleidete Frau mit den braunen Haaren und dem hellen Teint ausschließlich, um auf das Schicksal der noch in IS-Gefangenschaft befindlichen Jesiden und Jesidinnen aufmerksam zu machen: "Meine Berühmtheit ist eine Folge unseres Elends", sagt sie nüchtern. Dakhil setzt sich für eine Enklave für die nichtislamischen Minderheiten im Nordirak ein - wobei ihr ihr KDP-Ticket jedoch das Misstrauen der Minderheit der Turkmenen einträgt. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 13.10.2014)

  • Die irakische Parlamentarierin Vian Dakhil.
    foto: epa/ali abbas

    Die irakische Parlamentarierin Vian Dakhil.

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