Energieautarkie-Träume sind fehl am Platz

Kommentar der anderen12. Oktober 2014, 16:49
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Wer die Energiewende tatsächlich schaffen will, muss zielführende Projekte zulassen. Eine Replik auf Ulrike Lunacek.

Energieautarkie ist die beste Sanktion gegen Putin" meinte vor kurzem Ulrike Lunacek an dieser Stelle. Sie bezog damit die Gegenposition zu Gabriel Lansky, der erklärt hatte, Sanktionen gegen Russland seien kein Politikersatz. Ohne im Detail auf Lansky eingehen zu wollen, der seine Position ebenso vertritt, wie ein Rechtsanwalt Positionen seiner Klienten zu vertreten hat, sind doch beide Darstellungen geprägt von einer nicht deklarierten persönlichen Interessenlage.

Lunacek argumentiert, dass die EU-Mitgliedsländer "keine gemeinsame Außenpolitik zulassen" und jeder "gerne das von Eigeninteressen gewürzte Süppchen kocht", und nennt als Beispiel den OMV-Deal mit Gasprom zu Southstream. Die Sanktionen hätten dagegen einen weiteren positiven Effekt, der für die energiepolitische Zukunft der EU entscheidend Bedeutung ist. Ziel sei die Unabhängigkeit von Energieimporten, eben "Energieautarkie" durch Förderung erneuerbarer Energien.

Suche nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit

So einfach ist die Sache freilich nicht. Schon klar: Die Suche nach Selbstbestimmung und das Streben nach weniger Abhängigkeit in Energiefragen ist natürlich sinnvoll und richtig. Die Staaten der Europäischen Union verbrauchen deutlich mehr fossile Energie, als sie selbst haben. Eine Diversifizierung der Bezugsquellen weg von Russland bringt daher mehr Unabhängigkeit und Manövrierraum im Zuge von politischen Entscheidungen. Am besten wäre tatsächlich umfassende Unabhängigkeit, also die Bereitstellung der gesamten benötigten Energiemenge aus Ressourcen, über die man selbst verfügt. Damit - so die nicht ausgesprochene Präferenz - könnte man praktisch alle Probleme dieses Jahrhunderts auf einen Schlag lösen: kein Ärger mehr mit Scheichs, Putin oder bösen Geierfonds, die auf den Energiemärkten spekulieren, saubere Energie aus Sonne und Wind, ein Ende der Treibhausgasemissionen und Millionen Green Jobs.

In der Realität ist es leider nur so, dass wir uns unter aktuellen Bedingungen schon mit der Verwirklichung der Stromautarkie schwertun würden. Komplette Energieautarkie ist auf Jahrzehnte undenkbar. Strom deckt heute gerade einmal 20 Prozent des österreichischen Energiebedarfs ab, und zur Deckung des Stromverbrauchs müssen wir schon deutlich Strom im Ausland zukaufen. Dabei steht Österreich viel besser da als andere Länder, weil wir den Großteil unseres Stroms aus sauberer Wasserkraft erzeugen. Wenn wir uns sehr anstrengen, schaffen wir es vielleicht, mit Effizienzmaßnahmen und neuen Projekten schrittweise den fossilen Energieeinsatz im Elektrizitätsbereich substanziell zu reduzieren. Aber ohne die gesicherte Leistung thermischer Anlagen, die einspringen, wenn Wind und Sonnen nicht genügend Strom liefern, kommen wir auf Jahrzehnte nicht aus.

Doch schon für ein Programm, das Österreich in eine entsprechende Richtung bringen würde, fehlen die Voraussetzungen. Die Potenziale an Wasserkraft dürfen nicht genutzt werden, auch beim Ausbau der Windkraft, den notwendigen Speichern und Leitungen in der erforderlichen Größenordnung würde beispielsweise die Partei von Frau Lunacek nicht mitziehen. Und auch mit den Green Jobs ist es nicht so toll, denn viele davon sind weder grün noch in unseren Landen, sondern in China, wo inzwischen die meisten Photovoltaik-Anlagen herkommen und wo sie mit Strom vornehmlich aus Kohlekraftwerken produziert werden. Es ist eben leichter, Autarkie zu fordern, als sie zu verwirklichen.

Mehr Europa in der Energiepolitik

Statt einer gut klingenden, aber eben nicht realisierbaren "Autarkie" braucht es endlich mehr Europa in der Energiepolitik. Die heimische E-Wirtschaft hat sich intensiv mit Fragen der künftigen Energieversorgung befasst und setzt sich vehement für eine europäische Lösung in diesem Zusammenhang ein. Ja zu gemeinsamen Regeln, ja zu einem europäischen Markt, ja zu gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamer Systemoptimierung. Das Ganze sollte aber bitte fair und sinnvoll ablaufen: Wenn die Reduktion der Treibhausgase unser Hauptziel ist, dann bitte her mit einem wirksamen Emissionshandel. Sinken die Emissionen, sinken auch der Verbrauch an fossilen Brennstoffen und die Abhängigkeit von Russland.

Aber mittelfristig muss auch die Abschaffung aller Förderungen für jene Technologien kommen, die ausgereift sind. Die Energiewende darf nicht zum Förderschlaraffenland verkommen, denn das würden weder der Industriestandort noch die privaten Energiekonsumenten auf Dauer vertragen. Für Photovoltaik gilt hier ausnahmsweise das Gleiche wie für Atomkraftwerke: Autarkieträume, Förderwahnsinn und Marktverzerrungen, wie wir sie heute erleben, können wir nicht brauchen, denn der Systemwechsel wird schon so stressig und teuer genug. (Barbara Schmidt, DER STANDARD, 13.10.2014)

Barbara Schmidt ist Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung der E-Wirtschaft.

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