"Das Verhältnis zur Donau war immer ambivalent"

13. Oktober 2014, 10:23
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Aus Angst vor Hochwasser wandte sich Linz von der Donau ab, erklärt Bürgermeister Klaus Luger. Erst die jüngere Generation entdeckte das Flussufer als Freizeitgelände

STANDARD: Herr Bürgermeister, auch Sie sind in Urfahr aufgewachsen und leben heute noch dort. Sind Sie Urfahraner oder Linzer?

Luger: Ich bin ein in Urfahr wohnender Linzer. Grundsätzlich nimmt die lokale Verhaftung im gesamten Stadtgebiet schon ab. Aber es gibt noch Exklaven, in denen sie größer ist. Dazu gehört sicher Urfahr, im Süden Kleinmünchen und Pichling. Das sind Viertel mit überdurchschnittlich regionaler Verankerung. Bei Urfahr ist das historisch bedingt. Dort leben noch heute Menschen, die sagen: Ich fahr in die Stadt. Diese Begrifflichkeit gibt es, wobei ich feststelle, dass das bei der jüngeren Generation nicht mehr so Thema ist. Also meine Söhne sprechen immer von der Stadt, egal, wo sie hinfahren.

STANDARD: Auf dem Grünmarkt bekommt man die regionale Verankerung noch zu hören: "Urfahr hat die Uni, Linz das Narrenhaus."

Luger: Die freundlichere Variante ist: In Linz haben wir die Industrie, ohne die es Rathaus und Uni in Urfahr nicht gäbe.

STANDARD: Dennoch hat man den Eindruck, dass die Donau heute noch immer die Stadtgrenze ist.

Luger: Das ist nur bis zu einem gewissen Grad richtig und hat nichts mit den beiden Stadtteilen zu tun, sondern mit dem Faktum, dass die Donau bis zum Hochwasser 1954 eine Riesenbedrohung für die Stadt gewesen ist. Das Verhältnis zur Donau war immer ambivalent, südlich wie nördlich der Donau. So hatte etwa die Neugestaltung des Hauptplatzes in der NS-Zeit nicht nur ideologisch-städtebaulichen Charakter mit den beiden Brückenkopfgebäuden, sondern sollte auch Schutz vor dem Hochwasser sein. Denn ursprünglich war der Hauptplatz niveaugleich mit der Donau. Nach dem 1954er-Hochwasser sind dann Dämme auf der Südseite errichtet worden. Interessanterweise wollte Urfahr keine. Der Damm, der nach dem großen Hochwasser 2002 in Alt-Urfahr errichtet wurde, war damals bereits im Angebot.

STANDARD: Das heißt also: Vor allem die Urfahraner leben mit der Donau.

Luger: So würde ich das heute nicht mehr sehen, inzwischen werden die Räume an der Donau viel stärker für die Freizeit genutzt. Nicht nur am Steinmetzplatzl in Alt-Urfahr, wo Leute tatsächlich in die Donau baden gehen.

STANDARD: Aber seitens der Stadtentwicklung geschah in diese Richtung bisher zu wenig, kritisiert der Historiker Roman Sandgruber.

Luger: Der wesentliche Zugang zur Donau passiert derzeit im Hafen, das bleibt etwas unbeachtet. Durch die Neuorganisation des Handelhafens wird dort ein neuer Freizeit- und Kulturraum erschlossen. Dort entsteht für Linz in den nächsten zehn Jahren die Chance, einen neuen Donaubezug zu erhalten.

STANDARD: Eine Chance, die bisher von der Stadt nicht ergriffen wurde?

Luger: Die Kritik ist nicht ganz unberechtigt, da sich die Stadt aufgrund des Bedrohungspotenzials von der Donau abgewendet hat. Aber es hat ein generationsbedingtes Umdenken gegeben. Die Jugend ist mobiler und drängt aus anderen Stadtteilen an die Donau, etwa die Donaulände. Das gab es in meiner Jugend nicht. Von Mai bis Oktober ist sie das größte Jugendzentrum der Stadt. Mitte der 70er-Jahre waren wir am Schlossberg. Damals war es nicht gestattet, im Donaupark zu liegen, da hat uns die Polizei vertrieben. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, 13.10.2014)

Klaus Luger (53) ist seit November 2013 Linzer Bürgermeister. Der Sozialwissenschafter und Historiker war zwölf Jahre Bezirksgeschäftsführer der SPÖ Linz und ab 2009 Vizebürgermeister.

  • "Ich bin ein in Urfahr lebender Linzer", sagt Bürgermeister Klaus Luger. Nicht alle Urfahraner würden das so formulieren.
    foto: apa/rubra

    "Ich bin ein in Urfahr lebender Linzer", sagt Bürgermeister Klaus Luger. Nicht alle Urfahraner würden das so formulieren.

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