Drei Verhaftungen wegen dubioser TV-Gewinnspiele

10. Oktober 2014, 17:51
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Einige Geständnisse gibt es nun. "Fake-Anrufer" sollen Scheingewinne kassiert haben. Involviert ist eine frühere Tochter der Telekom Austria.

Wien - In den Ermittlungen rund um die Fernseh-Gewinnshows, in die u. a. auch die Wiener Mass Response Services (MRS; gehörte vorübergehend der Telekom Austria) involviert war, gibt es eine heftige Zuspitzung. Vorige Woche wurden drei Beschuldigte verhaftet, zwei in Deutschland, einer in Österreich. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt ja seit Jahren wegen gewerbsmäßigen Betrugs (bzw. Beihilfe).

Die "Call-in-Shows" funktionierten so: Moderatoren animierten Zuseher zu Anrufen auf kostenpflichtigen Mehrwertnummern, fürs Lösen einfacher Rätsel gab es Gewinne.

Bisher haben die Beschuldigten die Vorwürfe bestritten, einige sind nun aber umgefallen. Das erschließt sich aus dem Haftbefehl. Sollten die Vorwürfe stimmen (es gilt die Unschuldsvermutung), wurde in vier Sendungen ein Riesenrad gedreht.

Laut Haftbefehl ist die Durchschaltung in die Sendung, für die "hohe Gewinne ausgelobt waren, entgegen der Darstellung durch die Moderation technisch unterbunden worden". Heißt: Die Anrufer hingen in den teuren Warteschleifen. Zudem seien monatelang "instruierte Fake-Anrufer organisiert und eingesetzt" worden, deren Telefonnummern vorweg einprogrammiert worden seien. Sie wurden quasi als Lockvögel benützt.

500 Euro für Lockvögel

Eingefädelt haben soll das 2004 der nun verhaftete Deutsche S. M., der mit seiner Gesellschaft die erste Call-in-Show in Österreich produziert hat (für ATV). Er habe einem Mitarbeiter des TV-Studios Marx Media Vienna (MMV) erklärt, er brauche Leute, die sich "während der Sendung gegen Bezahlung zur Verfügung halten", um, ins Studio geschaltet, vorab bekanntgegebene Antworten auf die Quizfragen zu geben.

Genau so sei es gelaufen, mit Leuten, die der MMV-Mitarbeiter organisiert habe. Sie mussten nach dem Gewinn "ihrer Freude ... Ausdruck verleihen", während "echte" Anrufer nicht durchgestellt wurden.

Ziel der Dramaturgie" sei es gewesen, die Anruferzahlen hochzuhalten. Die Gewinne wurden allerdings wieder eingesammelt - bis auf 500 Euro, die die Helfer behalten durften.

Die bisher Vernommenen hätten zugegeben, von Mai 2004 bis Juli 2005 mehr als 360.000 Euro an Scheingewinnen kassiert zu haben. Wie hoch der Schaden der in der Warteschleife verhakten Anrufer war, wird noch ermittelt. Die MRS ihrerseits hat 2011 Anzeige erstattet und hat sich dem Verfahren - weil sie sich geschädigt fühlt - als Privatbeteiligte angeschlossen, wie ihr heutiger Eigentümer und Geschäftsführer, Franz Pichler, betont.

Zahlen nach oben geprügelt

2008 produzierte dann die MRS eine Gewinnshow für die Schweiz, 2009 brachen die Anruferzahlen ein. S. M. bot seine Hilfe an, mit der er laut Protokoll "die Zahlen ... nach oben prügeln wird, mit allen Mitteln". So wurde das System laut Staatsanwalt auch für die Schweiz und später für Deutschland etabliert.

Und es sei ausgebaut worden: Laut Gutachten gab es eigene Konten für die Scheingewinne. Die Fake-Anrufer hätten später in einem Chat-Raum Anweisungen für die Rolle bekommen, die sie (unter unterschiedlichen Namen) spielen sollten.

Mal gaben sie falsche Antworten, mal legten sie verlegen wieder auf, mal gewannen sie. Ab 2009 wurden laut Haftbefehl dann Stimmverzerrer eingesetzt. Anlass: Kritikern der Sendungen war die Ähnlichkeit der Gewinnerstimmen aufgefallen. (Renate Graber, DER STANDARD, 11.10.2014)

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