Finnische Tugend, virtuelle Ethik

10. Oktober 2014, 17:38
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Tagebuch von der Frankfurter Buchmesse, Tag vier

Am vierten Tag der Messe ist "Sisu" angesagt, wie der alte Finne sagt. Es soll sich, wie man in der Halle des Gastlandes lernt, um ein schwer zu übersetzendes Wort handeln, das so etwas wie "Durchhaltevermögen" bedeutet. Unter Beweis stellt man "Sisu" etwa in verschiedenen Extremsportarten. "Weiberschleppen" heißt eine davon, bei der ein Herr die Dame seiner Wahl auf den Schultern möglichst schnell durch Wasser, Morast und unwegsames Gelände trägt. Dem Sieger winkt das Gewicht der Dame in Bier aufgewogen.

Unkonventionell gebärdete sich bei der Pressekonferenz auch Jaron Lanier (54), diesjähriger Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. Der in New York geborenen Musiker, Technologieentwickler und Internetforscher, der mit 14 die Schule abbrach, um Uni-Seminare in Mathematik und Chemie zu besuchen, gilt als Vater des Begriffs "virtuelle Realität".

Bestens gelaunt in Frankfurt angekommen, gab Lanier auf der Kaan, einem alten indonesischen Instrument, zunächst ein paar Takte zum Besten, um alsdann auf sein neues Buch Wem gehört die Zukunft? zu kommen. Es geht darin wieder um negative Entwicklungen im Netz, unter anderem Überwachung, Monopolisierungstendenzen (Google) und die Freiwilligkeit, mit der Nutzer ihre Daten hergeben. Lanier fordert "digitalen Humanismus" und pocht auf Selbstverantwortung. In der realen und in der virtuellen Welt. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 11.10.2014)

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