Kalauer und Kitschidyllen aus den 1970ern

10. Oktober 2014, 17:10
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Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, huldigt in einer oberflächlichen Autobiografie dem Modespektakel des Strukturalismus

Die 1970er-Jahre waren nicht nur eine bleierne Zeit – trotz der blutigen Maskerade, die sich der hybrid als „Armee-Fraktion“ auftretende Terrorismus mit den Staatsorganen lieferte. Es war auch „eine hohe Zeit des Lesens“. Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, beschreibt diese Zeit in seiner Autobiografie Wiedersehen mit den Siebzigern anschaulich, wenn auch passagenweise oberflächlich, nur Namen an Namen reihend.

Raulffs Perspektive hat mit Lesen und Theorie zunächst wenig zu tun. Er interessierte sich mehr für Hornbrillen, Trenchcoats und „atemberaubende Garderoben“ von Kommilitoninnen. Er bekennt sich als „flächiger“ Leser und ist mit flächigen Urteilen schnell bei der Hand. Ideologiekritik hält er für „Stoff für die gymnasiale Oberstufe“, und die Arbeitsgruppe „Poetik und Hermeneutik“, zu der Reinhart Koselleck, Hans Robert Jauß, Christian Meier, Jean Starobinski, Karlheinz Stierle, Harald Weinrich und andere Koryphäen gehörten und die die Theoriediskussion in den Geisteswissenschaften in den 70er-Jahren maßgeblich vorantrieben, besteht für ihn aus „Leuten“, die „tatsächlich noch an den Wert von Begriffen und ihre Bedeutung für das Leben glaubten“.

Zunächst betätigte sich Raulff im politischen Handgemenge auf dem Unicampus von Marburg als „Ein-Mann-Gruppe“ und Verkäufer von Büchern und Raubdrucken von Klassikern. Von Kim Il-sungs und Stalins Werken führt definitiv kein Weg zur Theorie. Zwar rezipierte Raulff auch Schriften von luziden Köpfen der Frankfurter Schule wie etwa dem Philosophen Alfred Schmidt, der sich nicht an Lenins Konstrukt des „Marxismus-Leninismus“ abarbeitete, sondern an Marx’ Theorien. Der Unterschied blieb Raulff damals und bis heute fremd. Er verbucht fast alles, was in Marburg und in Frankfurt gelehrt wurde, unter der Phrase „Marxismus“ – bis zu seiner eigenen Pariser Erleuchtung unter der Firma „Strukturalismus“ von Foucault, Virilio, Lacan, Barthes, Lévi-Strauss etc.

Der Strukturalismus verstand sich selbst als Abschied von der abendländischen Philosophie, die von der Subjekt-Objekt-Spaltung ausging und sich als Bewusstseinsphilosophie begriff. Dieser Abschied firmiert unter dem Begriff Struktur, der aber leer blieb wie Foucaults aufgeblasener Machtbegriff oder die traditionellen Gottesbegriffe der Theologie.

Im Gegensatz dazu stand die wirkliche Überwindung der Bewusstseinsphilosophie durch die Sprachphilosophie, den aus den USA importierten „linguistic turn“, der die Welterschließung mit Sprache und kommunikativem Handeln erklärt. Die Distanzierung von der abendländischen Bewusstseinsphilosophie betrieben ernsthaft und nicht bloß als Farce bzw. Modespektakel Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas in Frankfurt. Davon hat, wer las „wie ein Kind meiner Zeit“ (Raulff über Raulff), fast nichts mitbekommen.

Raulff liebt den hohen Ton und die spektakuläre Geste. Von „alten Kantianern“ vermutet er, dass sie „langsam vertrocknen“, während „Hegelianer in Fäulnis übergehen“. Bliebe man in Raulffs Bild, könnte man im Rückblick auf den Strukturalismus sagen, dass das meiste, was sich unter diesem als „subversive Aufklärung“ (Raulff) kostümierte, bei Licht besehen, als Mist auf die Welt kam, Mist geblieben ist und als Mist vergessen wurde – wie Barthes’ Kalauer, alle „Sprache ist faschistisch“.

Vom Kalauer ist es nicht weit zum Kitschidyll: „Ich saß im Garten, sah den Artischocken beim Wachsen zu und übersetzte Starobinski. Ein ideales Leben, eine Einladung, weise zu werden. (…) Ich war am Lido di Ostia eingeschlafen, und als ich erwachte, sah ich Hegels Phänomenologie nur noch als hellen Fleck, der in der Dünung verschwand“, während „Kants Kritik der praktischen Vernunft vor Irland versinkt“. „In den Falten und zwischen“ solchen „Zeilen“ nistet gar nichts außer epigonale Angeberei.

Raulff pflegt seit seiner Jugend eine Vorliebe für das, was er „den Geist des Antiquarischen“ nennt, den er, wie den Historismus des 19. Jahrhunderts, für den „Anfang“ der Geschichte hält.

Als Dandy drapiert, polemisiert der Jungkonservative Raulff gegen die „Suhrkamp Culture“ als „Person ohne Unterleib“ und plädiert als „Virtuose des kryptischen Surfens“ mit postmoderner Gestik für ein „begriffsloses Bilderdenken“, „Magie“ und „Divination“. Dazu passt seine These, „dass der Text den Leser nicht brauche“.

Für Raulffs Buch gilt freilich die Umkehrung des Satzes. Es ist ein reines Ärgernis. (Rudolf Walther, Album, DER STANDARD, 11./12.10.2014)

Ulrich Raulff, "Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens".
€ 18,– / 170 S. Klett-Cotta, Stuttgart 2014

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