Erfreuliche Nachrichten aus Fernost

Kommentar der anderen10. Oktober 2014, 17:12
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In China, Indien und Japan sind drei relativ neue Führungsfiguren mit weitreichenden internen Reformen beschäftigt. Trotz aller Spannungen in der Region bringt das einige Stabilität in einer geopolitisch zunehmend unübersichtlichen Welt

Die Ukraine-Krise kocht über, Jihadisten rekrutieren Armeen in Syrien und dem Irak, Ebola breitet sich ungebremst aus - wir befinden uns in einer außergewöhnlich turbulenten Ära der Weltpolitik. Westliche Regierungen kommen kaum nach mit dem Löschen der Brandherde. Dennoch gibt es neben diesen Krisen und den unzureichenden Antworten darauf eine Region, die viel verspricht.

Starke Führungen in China, Japan und Indien - die drei größten Märkte in der wichtigsten Region für die Zukunft der Weltwirtschaft - haben derzeit so seltene gute Nachrichten in der internationalen Berichterstattung zu bieten.

Zukünftiger Aufruhr

Chinas Xi Jinping, Japans Shinzo Abe und Indiens Narendra Modi haben ihre eigenen Karrieren mit internen Reformen in ihren jeweiligen Ländern verknüpft, die schon lange fällig sind. Bemerkenswerterweise ist keiner dieser politischen Führer durch Krisen zum Handeln gezwungen. Vielmehr gehen alle drei voran, weil sie zukünftigen Aufruhr vermeiden wollen.

Shinzo Abe erhielt bei seiner Wahl im Dezember 2012 ein stärkeres politisches Mandat als jeder andere japanische Führer im vergangenen Jahrzehnt. Dieses politische Kapital hat er eingesetzt, um "Abenomics" schnell umzusetzen - einen mutigen Plan, mit monetären, fiskalischen und ökonomischen Strukturreformen die seit Jahrzehnten stagnierende Wirtschaft wieder anzukurbeln. Xi Jinping übernahm 2013 die Macht in China und stieß die Umstellung der exportgetriebenen chinesischen Wirtschaft auf ein nachhaltigeres, verbrauchergetriebenes Modell an. Der Erdrutschsieg für Narendra Modi im Mai unterdessen zeigt eine starke öffentliche Unterstützung für eine nationale Kampagne an, in Indien wieder mehr Wachstum herzustellen.

In allen drei Ländern sind die Erwartungen hoch, und viel steht auf dem Spiel. Alle drei Führungspersönlichkeiten müssen sich gegen den Widerstand von Machtkartellen durchsetzen, die durch die Veränderungen verlieren werden, und komplexe Wirtschaften reformieren, die nicht leicht auf verschiedene Formen von Liberalisierung ansprechen. Die Amerikaner und Europäer dürfen sich von ihnen nicht viel Unterstützung im Nahen Osten, in Westafrika oder in Osteuropa erhoffen. Deren Anstrengungen, Wachstum in ihren Ländern wiederherzustellen, sind jedoch eine noch wertvollere Hilfe.

Alarmstufe ...

Es sind auch weiterhin alarmierende Schlagzeilen aus dieser Region zu erwarten. China und seine Nachbarn werden weiter gelegentlich rhetorische Breitseiten aufeinander abfeuern. Die Spannungen zwischen China, Vietnam und den Philippinen im Südchinesischen Meer werden die Alarmstufe erhöhen.

Aber die Führer Chinas, Japans und Indiens scheinen zu verstehen, dass jeder von ihnen ein Investment in die Stabilität des jeweils anderen hält. Im September verließ Narendra Modi Japan mit dem Versprechen einer 35-Milliarden US-Dollar-Investition in die indische Infrastruktur. Wenig später - und nachdem es Zwischenfälle an der chinesisch-indischen Grenze im Himalaja gegeben hatte - empfing Modi Xi Jinping in Indien, und die beiden kündigten eine 20-Milliarden-Dollar-Investition in Infrastruktur und Industrieparks an, die ein neues Handelsband zwischen beiden Erzrivalen knüpft.

... aber geringe Gefahr

Die historischen Animositäten zwischen China und Japan werden immer wieder zu Spannungen führen. Im Frühjahr 2014 sagten nur sieben Prozent der in einer Umfrage von Pew Research befragten Japaner, dass sie China schätzten. Unter den Chinesen waren es nur acht Prozent, die umgekehrt eine gute Meinung von Japan hatten. Vor einem Jahr wuchsen die Spannungen zwischen beiden Ländern, als Peking eine Luftüberwachungszone über umstrittenem Gebiet einrichtete. Einen Monat später besuchte Premier Abe den Yasukuni-Schrein, der für den japanischen Militarismus steht.

Dennoch haben beide Parteien eine gefährliche Eskalation vermieden. 23.000 japanische Firmen machen in China Geschäfte, zehn Millionen Chinesen arbeiten für sie. Das sind gute Gründe für beide Regierungen, die Auseinandersetzungen unter Kontrolle zu halten. Im Juli verzeichnete Japan einen Touristenrekord, der zum Großteil auf Chinesen zurückzuführen ist. Deren Zahl hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Nie gab es mehr hochrangige Zusammentreffen auf Regierungsebene, und Abes Rede vor den Vereinten Nationen war sehr versöhnlich.

Die Verminderung der Spannungen zwischen Japan und China fiel zusammen mit den kritischen Phasen im internen Reformprozess der beiden Länder. Sobald Abe den schwierigsten seiner drei Reformpfeile - die Schaffung einer Wachstumsstrategie - abschoss, konnte er es sich nicht mehr leisten, seine Wählerschaft mit geopolitischen Spannungen abzulenken oder finanziell zu frustrieren. Xi Jinping dagegen hat mit seiner Antikorruptionskampagne und seinen vorgeschlagenen Wirtschaftsreformen so viele Wellen geschlagen, dass mächtige Chinesen mit tiefgreifenden Interessen im derzeitigen System seine Agenda zu hinterfragen beginnen. Je erfolgreicher Xi ist, desto mehr Widerstand wird er von enttäuschten chinesischen Bonzen gewärtigen müssen.

Xi, Abe und Modi dürfen sich über frühe Erfolge freuen: Während sie interne Reformhürden nehmen, schwindet ihr Interesse, geopolitische Instabilität zu erzeugen. Diese Bedrohung wird nur wieder wachsen, wenn die Reformen gefährlich schieflaufen.

Lautere Stimmen

Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Reformen ernsthafte Rückschläge hinnehmen müssen, ist in China am größten. Die leicht entzündliche Krise in Hongkong zeigt die weitreichenden Risiken für Xis Agenda. Antwortet Peking darauf mit zu viel Gewalt, wird die internationale Zustimmung schwinden und die die Periode der Abgeklärtheit enden. Gibt Peking klein bei - etwa mit der Abberufung des Gouverneurs von Hongkong -, würde das einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen, der in anderen chinesischen Städten Nachahmung finden könnte. Eher wird Peking eine alternative politische Stimme zum Schweigen bringen als tolerieren - vor allem weil viele solcher Stimmen sich erheben werden, je mehr Xi seine Reformen vorantreibt.

Atempause

Fürs Erste allerdings werden drei der wichtigsten Weltwirtschaften ihre Nachbarschaft friedlich halten. In einer immer unübersichtlicheren Welt sollten die westlichen Mächte diese Atempause dankbar annehmen - wie lange immer sie anhält. (Ian Bremmer, Übersetzung: Christoph Prantner, DER STANDARD, 11.10.2014)

Ian Bremmer (44) hat in Stanford in Politikwissenschaften promoviert. Er ist Gründer und Präsident der Eurasia Group sowie Global Research Professor an der New York University. Bremmer ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschienen: "Every Nation for Itself: Winners and Losers in a G-Zero World" (New York, Portfolio).

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