Niederösterreichs Notfallmedizin für Notfälle

Blog13. Oktober 2014, 13:40
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Angesichts des Notärztemangels diskutiert Niederösterreich die Einführung von Paramedics

Die Rettung ist gerettet – vorübergehend. Vergangene Woche einigten sich Krankenkassen und Rettungsorganisationen in Niederösterreich nun doch wieder auf ein Tarifsystem für Krankentransporte für die nächsten Jahre. Vor genau einem Jahr war der gleiche Streit schon einmal entflammt. Mit der nun erzielten Einigung sollte er bis Ende 2016 vom Tisch sein. Ruhig wird es um die Notfallversorgung in dem Bundesland – und darüber hinaus – deshalb aber nicht bleiben. Denn in dem Bereich ist einiges im Umbruch.

Wolfgang Sobotka (ÖVP), Landeshauptmann-Stellvertreter und Vorsitzender des Niederösterreichischen Gesundheits- und Sozialfonds (Nögus), hat vor einigen Wochen bei einer Pressekonferenz ein Thema aufgebracht, das seither für kontroversielle Debatten sorgt: die Einführung sogenannter Paramedics, die in mehreren Ländern bereits den Notarzt ersetzen. Kommenden Donnerstag findet an der Fachhochschule St. Pölten eine Enquete zu dem Thema statt.

Paramedics sollen speziell fürs Rettungswesen ausgebildete Fachkräfte sein, "mit Fokus auf die Stabilisierung des Patienten", wie Sobotka es beschrieb. Sie sollen demnach den Notarztdienst ersetzen und als "Bindeglied zwischen Sanitäter und Mediziner" dienen. Grund für diesen Vorstoß sei, so hieß es vonseiten Sobotkas, dass es zu wenige Notärzte gebe.

"Versorgung beginnt am Notfallort"

Auf diesen Mangel hat auch schon die Ärztekammer Niederösterreich hingewiesen. Die Idee, das Problem mittels Einführung von Paramedics zu lösen, gefällt der Ärztevertretung – und auch politischen Gegnern Sobotkas – so gar nicht. "Die Versorgung eines Notfallpatienten beginnt unmittelbar am Notfallort. Das gehört zu den schwierigen Aufgaben des ärztlichen Alltags in jedem Fachbereich", reagierte Gerrit Loibl, Vizepräsident der Niederösterreichischen Ärztekammer und selbst Notarzt, auf den Vorschlag.

"Oft genug stehen wenige Sekunden zwischen Leben und Tod. Das ist ein Tätigkeits- und Verantwortungsbereich, der eindeutig von Ärztinnen und Ärzten ausgeführt werden muss", ergänzte Loibl mit Verweis auf immer wieder notwendige Schock- oder Schmerztherapien. Den Ersatz von Notärzten durch Paramedics würde er als Versuch der Politik werten, "durch eine offensichtliche Qualitätsverschlechterung Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen umsetzen zu wollen".

Bei Novellierungsvorschlag beachtet

Sobotka gibt sich in der Diskussion um das Thema zwar betont ergebnisoffen, allerdings hat das Land Niederösterreich laut einer Aussendung dem Bundesministerium für Gesundheit bereits ein Modell sowie einen Novellierungsvorschlag zum Gesundheits- und Krankenpflegegesetz vorgelegt, die unter anderem die Ausbildung von Paramedics vorsehen.

Sollten Paramedics zum Einsatz kommen, müsste jedenfalls das gesamte Rettungssystem neu organisiert werden. Wie dieses in der Schweiz, Dänemark und den Niederlanden, Ungarn, der Slowakei und den USA funktioniert, wird Thema der Enquete am Mittwoch sein. Es sei denkbar, dass Paramedics auch ein akademischer Beruf werden, hieß es aus Sobotkas Büro auf Nachfrage. Ein entsprechendes Studium, zumindest bis zum Bachelor, sei denkbar.

Der dritte Redner am Donnerstag ist übrigens Christoph Redelsteiner, Dozent an der Fachhochschule St. Pölten – und ein in den USA ausgebildeter Paramedic. (Gudrun Springer, derStandard.at, 13.10.2014)

  • Artikelbild
    foto: apa/klaus techt
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