Bin ich wirklich dumm?

Userkommentar13. Oktober 2014, 10:05
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Schlechte Schüler, laute Lehrer und langweiliger Lernstoff: Wie die Schule es schafft, einen Menschen jahrelang an seiner Intelligenz zweifeln zu lassen – mit Angst vorm Versagen als Ergebnis

Stille in der Klasse. Ich sitze weinend da, tröstende Hände streichen mir über die Schulter. Das war ich, vor ein paar Jahren. Mein Lehrer hat mich damals gefragt, ob ich dumm bin. Auf die Frage gab es meinerseits nur eine Antwort: Tränen. Noch heute kann ich mich genau an das Gefühl erinnern. Das Gefühl, wie sich mein Magen umdreht, mein Herz schneller klopft und mein Gesicht rot anläuft.

Geringes Selbstbewusstsein. Ein Thema, das im Kontext der Bildung sehr selten aufgebracht wird. Wir hören immer wieder von Statistiken über Schüler, die in ihren Heften in "Nicht genügend" versinken, oder von Migranten, die die Schule so schnell wie möglich abbrechen. Kaum einer merkt, dass aus solchen Statistiken Menschen mit geringem Selbstbewusstsein resultieren. Die Angst vorm Versagen, davor, der "ewige Schlechteste" zu sein, ist ein im Untergrund liegendes Phänomen.

Wenn ich Leuten erzähle, dass mein Lehrer mich damals nach meiner Wiederholungsprüfung fragte, ob ich dumm sei, kippen die Kiefer nach unten und Köpfe werden geschüttelt. Eine Wiederholungsprüfung, die meine Schullaufbahn, mein Studium und mein Leben für immer prägen wird.

Jahrelange Selbstzweifel

Heute noch überlege ich mir in meinen Seminaren, ob ich gut genug bin. Ich sitze bei meinen Studentenjobs und Praktika und frage mich, ob ich nicht morgen rausgeschmissen werde. Allein Bewerbungen abzuschicken ist für mich eine sinnlose Handlung. Ich zweifle immer daran, für ein Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Wenn Freunde tiefgründige Diskussionen über die Gesellschaft führen, dann bleibe ich zurückhaltend, da ich glaube, nichts beitragen zu können.

Nach jahrelangem Zweifeln an mir selbst musste ich die Ursache herausfinden, die mich zu diesem Menschen gemacht hat. Zumal all meine Freunde nie so ein Gefühl verspüren. Sie haben nie die Sorgen, dumm zu wirken oder zu schlecht zu sein. Meine Eltern haben mich immer ermutigt und gefördert. Die Schule aber war der Ort, an dem Schüler als "schlecht" und "gut" kategorisiert wurden. Ich war in der schlechten Kategorie.

Nachhilfe als das Allheilmittel

Sobald man als "schlechter" Schüler in der Schule etwas hervorragend macht, bleibt diese Tatsache meist unbeachtet. Ein guter Schüler hingegen wird ständig gelobt und auch lautstark in der Klasse als das Vorbild schlechthin bezeichnet. "Schaut euch diese Arbeit an. Die verdient ein Sehr gut." Die mit der Fünf in der Hand werden als schlecht bezeichnet, und dagegen wird auch nichtst zu machen versuch. Am Elternabend kommt dann meistens der Kommentar: "Vielleicht ist die Nachhilfe die richtige Lösung." Das kann ja stimmen, aber nicht jede Geldtasche auf diesem Planeten kann es sich leisten, Nachhilfe zu nehmen.

Sehr gut bedeutet intelligent

All die Fächer, die in österreichischen Schulen angeboten werden, sind für niemanden unmöglich zu erlernen. Vielleicht ist manch einer besser als der andere, aber zu schaffen sind sie alle. Unser Problem liegt darin, dass der Stoff immer so weitergeführt wird wie bisher. Der bereits bestehende Stoff wird meist in monotoner Stimme heruntergerattert und die Schüler müssen mitschreiben. Der Grad an Intelligenz wird an den unzähligen Wiederholungsprüfungen gemessen. Wer die Prüfungen konsequent besteht, ist der kluge Schüler, wer nicht, ist ein Problemfall. Zwar wird versucht, den Problemfall bei Elterngesprächen zu lösen, aber anstatt herauszufinden, was die Ursache ist, wird vielmehr das Symptom bekämpft.

Auf die soziale Intelligenz wird in Schulen komplett vergessen. Die Fähigkeit, mit fremden Menschen ein langes Gespräch zu führen, Menschen zu trösten und Freundschaften zu schließen, sind Aspekte, denen keine Beachtung geschenkt wird. Der Lehrplan wird nicht an die Klasse angepasst. Im Gegenteil, die Klasse hat sich an den Lehrplan anzupassen. Das Wissen wird regelrecht in all die Köpfe gestopft, und wer es nicht versteht, der ist auf sich selbst gestellt oder wird eben in die Nachhilfe geschickt. Meist können die Lehrer auch nicht viel dafür, sie lernen von ihrem Studium, ihren Praktika und ihren Vorgängern. Nur befinden wir uns nicht mehr in der alten Schule. Ein stetiger Wandel ist notwendig.

Potenziale fördern

Lehrer prägen das Leben eines Schülers. Ich merke, wie Klassenkollegen, die ständig gelobt werden, selbstbewusst sind und keine Zweifel an ihrer Intelligenz haben. Dabei ist die Fünf doch gar nicht das Problem. Es sind die Lehrer, die unsere Intelligenz anhand von Noten messen. Das führt nur zu einem: Auch Schüler fangen an, ihre Intelligenz an Noten zu messen.

Eher sollten die Talente und Potenziale gesucht werden. Einzelgespräche, um die Potenziale zu entdecken und diese dann auch fördern zu können, wären eine gute Möglichkeit, die Talente eines jungen Schülers zu erkennen. Aufgrund der Erfahrungen, die ich als "schlechte" Schülerin machen musste, kann ich sagen, was mir damals geholfen hätte. Eine ständige Betonung, dass Intelligenz nicht nur in den Noten verborgen liegt, oder Ermutigung, dass nicht jeder jedes Fach beherrschen muss, wären hilfreich gewesen. Projekte zu organisieren, in denen vielfältige Talente gefragt gewesen wären, hätte unterstützend sein können. Talente wie zum Beispiel der Umgang mit Menschen.

Die Menschen müssen einsehen, dass Talent nicht nur darin liegt, ein Instrument zu beherrschen oder tanzen zu können. Sie können in kleinen alltäglichen Dingen stecken. Stattdessen wird häufiger auf den Fehlern herumgehackt, und der Schüler fühlt sich schlecht. Diese Gedanken bleiben nicht nur im Schulgebäude, sondern begleiten einen das gesamte Leben. Bewerbungen, Freunde, der Beruf, die Ausbildung ... Aspekte, die das geringe Selbstbewusstsein und die Angst vorm ewigen Versagen schlussendlich zum Vorschein bringen. Und das alles nur wegen einer Fünf. (Mona Rahmanian, derStandard.at, 13.10.2014)

Mona Rahmanian ist Studentin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.

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