Stalins Expo reanimiert: Die Sowjetunion in klein

10. Oktober 2014, 12:53
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Stadt will rund 1,25 Mrd. Euro für die Sanierung des Ausstellungsgeländes WDNCh ausgeben

Mit seinen prachtvollen Pavillons in einem großen Park im Norden Moskaus stand das Ausstellungsgelände WDNCh einst für den Stolz der Sowjetunion. 75 Jahre nach seiner Eröffnung erlebt es nun eine Rundumerneuerung für einen Milliardenbetrag.

foto: httpswwwflickrcomphotoskikimri (CC-Lizenz)
Das WDNCh ist eine der spektakulärsten Sehenswürdigkeiten Moskaus. Die Abkürzung WDNCh heißt übersetzt etwa Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft.

Als Sowjetunion in Miniaturausgabe gilt das Ausstellungsgelände WDNCh auch mehr als 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums. Es ist eine der spektakulärsten Sehenswürdigkeiten Moskaus. Die Abkürzung WDNCh heißt übersetzt etwa Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft. Dutzende Prunkbauten - einige wie Paläste - erinnern hier im Norden der russischen Hauptstadt an stalinistische Baukunst. Jede der sowjetischen Unionsrepubliken hatte eine Repräsentanz auf dem Allunionsausstellungsgelände. Heute machen sich neben der Architektur des sozialistischen Realismus fliegende Händler und Schausteller mit Karussells breit.

Unter Stalin eröffnet

Rund 60 Mrd. Rubel (1,19 Mrd. Euro) will die Stadt für die Sanierung in den kommenden Jahren ausgeben. Das vor 75 Jahren noch unter Sowjetdiktator Josef Stalin eröffnete Gelände war zuletzt dem Verfall preisgegeben. Seit Jahren versucht Russland etwa, die Ukraine, aber auch andere nun unabhängige Republiken dazu zu bringen, ihre Pavillons zu sanieren. Die vielen stilisierten Getreideähren am Ukrainischen Pavillon weisen darauf hin, dass das Gebäude einst die Kornkammer der UdSSR symbolisierte. Doch der Ukraine fehlte das Geld für die Sanierung - und wohl auch der politische Wille.

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Seit Jahren versucht Russland etwa, die Ukraine, aber auch andere nun unabhängige Republiken dazu zu bringen, ihre Pavillons zu sanieren.

Die nötigsten Arbeiten seien nun erledigt, um den Einsturz der Pavillons zu verhindern, sagt der Leiter der Abteilung für das kulturelle Erbe Moskaus, Alexander Kibowski. "Noch vor kurzem waren von den 32 Pavillons, die es auf der WDNCh gibt, 24 in einem gefährdeten Zustand", sagt er. Teils mussten Dächer und Fassaden erneuert werden. In den Sommermonaten etwa war der Weißrussische Pavillon komplett eingerüstet.

Angeblich eine Idee Lenins

Arbeiter fanden bei den Sanierungen überdeckte Fassaden aus den 1930er-Jahren. Der Revolutionsführer Lenin (1870-1924), dessen riesiges Denkmal gleich am Eingang des weitläufigen Geländes steht, soll die Idee für den Komplex einst gehabt haben. Die WDNCh sollte demnach in erster Linie auf die Errungenschaften der kommunistischen Planwirtschaft hinweisen. Der Alltag aber bestand für die meisten Sowjetbürger aus Warenmangel und Misswirtschaft.

Anfang der 1990er erhielt das Areal den Namen WWZ - Allrussisches Ausstellungszentrum. In diesem Jahr - Sowjetnostalgie liegt hier allgemein im Trend - kehrte der alte Name zurück.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion kümmerte es kaum jemanden in der größten europäischen Stadt, was aus diesem auch bei Touristen beliebten Erbe wird. Anfang der 1990er erhielt das Areal den Namen WWZ - Allrussisches Ausstellungszentrum. In diesem Jahr - Sowjetnostalgie liegt hier allgemein im Trend - kehrte der alte Name zurück. Die nahe Metro-Station hat ohnehin immer WDNCh geheißen.

Historisch bedeutende Bauwerke

Das Terrain ist voll von Architektur- und Kulturdenkmälern. Die Stadt Moskau spricht von einer in Europa einzigartigen Ansammlung historisch bedeutsamer Bauwerke. Viele Pavillons wie die der Ex-Sowjetrepubliken Armenien, Kirgistan und Usbekistan greifen landestypische Baustile auf. Kritiker merken an, dass die Protzbauten über Zwangskollektivierung und Industrialisierung unter Stalin hinwegtäuschen sollten, die vor allem auch viele Sowjetbürger auf dem Land ablehnten.

Vor allem die großen russischen Staatskonzerne sollten künftig die Pavillons bestücken: die Raumfahrtbehörde Roskosmos, der Atomkonzern Rosatom und die Energiekonzerne Gazprom und Rosneft. Sie könnten russische Errungenschaften in Wissenschaft und Technik ausstellen, heißt es.

Einen kommunistischen Retro-Park soll es aber nicht geben. "Jetzt die sowjetische Vergangenheit zu kopieren, hat keinen Sinn mehr", schrieb die Moskauer Boulevardzeitung "Moskowski Komsomolez". Vor allem die großen russischen Staatskonzerne sollten künftig die Pavillons bestücken: die Raumfahrtbehörde Roskosmos, der Atomkonzern Rosatom und die Energiekonzerne Gazprom und Rosneft. Sie könnten russische Errungenschaften in Wissenschaft und Technik ausstellen, heißt es.

Beliebtes Wochenend-Ausflugsziel

Viele Bürger begrüßen, dass der Wildwuchs aus Kiosken und die bunte Reklame verschwunden sind. Zu Tausenden kommen Moskowiter vor allem an den Wochenenden hierher, um in dem Park zu flanieren, zu essen, Ausstellungen zu besuchen und vor den riesigen Brunnen wie dem der Völkerfreundschaft vor den vergoldeten Frauenfiguren in den Nationaltrachten der früheren Sowjetrepubliken zu posieren.

Im Sommer nutzen auch Inline-Skater die Pisten, im Winter Schlittschuhfahrer. Die Moskauer Regierung, sagt der Beamte Kibowski, wolle die WDNCh zum größten kulturellen Ausstellungspark der Hauptstadt machen. Dazu seien jetzt bereits Wege neu asphaltiert und Grünanlagen bepflanzt worden. Die Stadt ließ demnach auch Zäune abreißen, die das Gelände vom Botanischen Garten und dem Park von Ostankino bisher trennten - dort, wo der berühmte Fernsehturm steht. (APA, red, derStandard.at, 10.10.2014)

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