Auf Yogamatten in Bildschirmwelten starren

10. Oktober 2014, 17:53
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"The Century of the Bed" heißt das Generalthema des diesjährigen Galerienprojekts "curated by"

Wien - Man liegt gemütlich im Bett und lenkt gleichzeitig die Geschicke der Welt. Was Hugh Hefner oder John Lennon und Yoko Ono öffentlich praktizierten, wurde eigentlich schon viel früher erdacht: In der Galerie Huber stellt das eine Abbildung aus dem Jahr 1893 unter Beweis; sie zeigt einen Mann, der in seinem Bett über eine komplexe mechanische Apparatur Livebilder aus der ganzen Welt an seine Zimmerwand wirft. Erfunden hat das sogenannte Telefonoskop der französische Science-Fiction-Autor Camille Flammarion, der die Technologie mit dem "Ende der Welt" in Verbindung brachte.

Die von Kristina Scepanski im Rahmen von "curated by" und dessen Motto The Century of the Bed kuratierte Ausstellung Instrumental Assistance ist allerdings viel weniger pessimistisch als eine differenzierte Bestandsaufnahme jener Verschiebungen, die der Computer mit ins Bett brachte: Während die Yogamatten von Timur Si-Qins noch an die mit dem Bett verbundene Körperlichkeit gemahnen, zeigt eine 3-D-Animation von Tabor Robak, dass die Welt mittlerweile auch ohne Zutun des Körpers erfahrbar wird: Durch eine regenverschmierte Glasscheibe (den Bildschirm) schaut man auf eine fantastische Skyline, die der Künstler mit Versatzstücken seiner Lieblingsstädte fabriziert hat.

Alltag und Utopie

Während Robaks Animation die Oberflächenästhetik bildschirmbasierter Welten betont, wird man von Jon Rafmans Arbeiten hingegen noch weiter in diese Realitäten hineingeholt: in ein Klassenzimmer zum Beispiel, aber auch in ein mit einem 3-D-Programm entworfenes Büro, das er mit Internetbildern von Kunstwerken Popovas und El Lissitzkys tapeziert hat. So fallen in seinem Video gleich mehrere Dinge zusammen: Alltag und Utopie, Innen und Außen, Individualität und Großraumbüro oder eben Büro und Zuhause.

An der Frage, ob Letzteres eher Vor- oder eher Nachteile bringt, haben sich im Rahmen des Projektes letzten Endes auch die meisten kuratorischen Konzepte geschieden: Eine klares "I prefer not to" erhält man etwa in der Schau Sleeping Producers in der Galerie Charim. Dort wurde die ständige Erreichbarkeit von Matteo Lucchetti als eindeutiges Zeichen einer profitorientierten Welt gewertet, in der laufend produziert werden muss.

Als Gegenmittel dazu konzentriert sich der Kurator auf künstlerische Positionen, in denen lokale politische Fragen - etwa zur Gentrifizierung oder auch Migration - verhandelt werden: Zu sehen ist der Film Phantom Fremdes Wien, in dem sich Lisl Ponger mit Fragen der Repräsentation von Migranten befasst, aber auch die sozialkritischen Diagramme des Konzeptkünstlers Stephen Willats. Kommunikationstechnologien spielen in seiner Arbeit, aber auch in den Fotografien Lisl Pongers und den Zeichnungen Christoph Schäfers insofern eine Rolle, als man mit ihnen Proteste gegen die Globalisierung, Immobilienspekulationen oder den Ausverkauf des öffentlichen Raumes organisieren kann.

Festzustellen, dass die Frage nach der Bedeutung des Bettes ein "First-World"-Problem ist, war auch Kuratorin Alenka Gregoric wichtig. In ihrer Ausstellung Points of View in der Galerie Hilger betont sie mit der Arbeit Artist at Work (1978) von Mladen Stilinovic etwa das Widerstandspotenzial des Schlafes: Der Künstler widersetzt sich "faulenzend" der gesellschaftlich eingeforderten Produktivität. Dem Kunstmarkt versuchte auch die Künstlergruppe IRWIN ein Schnippchen zu schlagen: Ihre Arbeit Namepickers (1999) besteht aus drei identischen Fotos; darauf scharen sich die Mitglieder der Künstlergruppe auf einem Bett um die Performancekünstlerin Marina Abramovic. Unter den erotisch aufgeladenen Bildern stehen einmal die Credits (inklusive Preisen) des Fotografen, einmal jene von IRWIN und dann die von Abramovic. Sie konnte von allen Beteiligten den höchsten Marktwert angeben.

Davon ausgehend, dass Smartphones und Tablets die Wahrnehmung und Verbreitung von Kunst - und damit auch die Märkte - verändern werden, hat außerdem Luca Lo Pinto, Kurator der Kunsthalle Wien, ein spannendes Projekt realisiert: Betritt man seine Präsentation in der Galerie König, steht man vor einer Plakatwand, auf der Abbildungen der Kunstwerke von u. a. Gerhard Rühm, Cory Arcangel, Pierre Bismuth zu sehen sind.

In Real Life kann man diese freilich auch käuflich erwerben; in der gleichnamigen Ausstellung wird man von seiner experimentellen Befragung zukünftiger Präsentationsmodi sehr positiv irritiert. (Christa Benzer, Album, DER STANDARD, 11/12.10.2014)

"The Century of the Bed" bis 8. 11. unter anderem in folgenden Wiener Galerien:

Andreas Huber, Christine König (4., Schleifmühlg. 6-8 bzw. 1A), Charim, Ernst Hilger (1., Dorotheerg. 12 bzw. 5)

  • Obwohl sich alles ums Bett dreht, sind bei "The Century of the Bed" nur sehr wenige Ruhestätten zu sehen. Tom Burrs Klappbett, auf dem er sich der Lektüre von Susan Sontags "Against Interpretation" widmet (Galerie Huber), ist eine der wenigen Ausnahmen.
    foto: galerie andreas huber

    Obwohl sich alles ums Bett dreht, sind bei "The Century of the Bed" nur sehr wenige Ruhestätten zu sehen. Tom Burrs Klappbett, auf dem er sich der Lektüre von Susan Sontags "Against Interpretation" widmet (Galerie Huber), ist eine der wenigen Ausnahmen.

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