Syrien: Umkämpftes Kobanê steht kurz vor Fall

11. Oktober 2014, 17:59
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Terrormiliz IS soll Kommandozentrum der Kurden fast erobert haben - UNO warnt vor zweitem Srebrenica

Kobanê - Im Kampf um die kurdisch-syrische Stadt Kobanê an der Grenze zur Türkei rückt eine Entscheidung offenbar immer näher. Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) haben Beobachtern zufolge weite Teile der Stadt erobert. Auch der Stadtteil, in dem sich die Kommandozentrale des kurdischen Widerstands und der lokalen Behörden befindet, stehe kurz vor dem Fall.

40 Prozent in Hand der IS-Terrormiliz

40 Prozent der Grenzstadt befinde sich bereits unter der Kontrolle der IS, berichtete die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die in Großbritannien ansässige Beobachtungsstelle steht den gemäßigten Rebellen in Syrien nahe. Bei ihren Angaben stützt sie sich auf ein Netzwerk von Informanten in dem Bürgerkriegsland. Mittlerweile wurde diese Zahl auch vom nationalen US-Sicherheitsberater Tony Blinken bestätigt. Er schließt einen Fall der Stadt nicht mehr aus: "Ich weiß nicht, was passieren wird, weil wir kein Militär am Boden haben. Es wird schwierig werden, nur durch Luftschläge die IS von einer Eroberung der Stadt abzuhalten."

Am Freitagnachmittag war das Zentrum auch von einer heftigen Explosion erschüttert worden: Laut der Beobachtungsstelle zündeten die Islamisten in 200 Meter Entfernung von den kurdischen Stellungen eine Autobombe. Über mögliche Opfer war zunächst nichts bekannt.

UNO warnt vor zweitem Srebrenica

Staffan de Mistura, der Syrien-Sondergesandte der Vereinten Nationen (UNO), warnte vor einem Massaker ähnlich jenem im bosnischen Srebrenica, falls Kobanê in die Hände der IS fällt. 1995 waren bei einem Angriff bosnischer Serben auf die muslimische Enklave Srebrenica mehr als 8.000 männliche Bewohner ermordet worden. Die türkische Regierung solle Freiwilligen den Weg über die Grenze frei machen, um die kurdischen Verteidiger in der syrischen Grenzstadt zu unterstützen, forderte de Mistura. "Wir werden Srebrenica niemals vergessen und es uns vermutlich auch niemals verzeihen", so der Diplomat. Niederländische Blauhelm-Soldaten hatten die bosnische Enklave 1995 nicht gegen die einrückenden bosnischen Serben verteidigt, was zu dem in der europäischen Nachkriegsgeschichte beispiellosen Massenmord führte.

Massive Angriffe auf Verbindungsstraße zu Grenzübergang

Nach Angaben kurdischer Aktivisten hat die IS zudem mit massiven Angriffen auf eine wichtige Verbindungsstraße zur türkischen Grenze begonnen, um die letzte Kurdenbastion in der Region gänzlich von der Außenwelt abzuschneiden. Dazu brachte die IS mit Motorrädern Waffennachschub zu ihren Kämpfern, um die lebenswichtige Versorgungsroute zu kappen. Ein kurdischer Aktivist namens Farhad al-Shami in der Ortschaft sagte der dpa am Telefon, seinen Informationen nach starben rund 200 kurdische Kämpfer, seit am Montag die IS in die strategisch wichtige Grenzstadt eingedrungen ist.

Die Jihadisten haben die Stadt selbst bereits von drei Seiten umstellt. Sollte die IS Kobanê erobern, hätten die sunnitischen Extremisten einen durchgängigen Grenzstreifen zur Türkei unter ihrer Kontrolle. In Syrien und im Irak haben sie seit Juni in weiten Landstrichen die Macht inne. Im Irak sind es vor allem große Teile der von Sunniten bewohnten Gebiete im Norden und in der westirakischen Provinz Anbar.

31 Tote bei Protesten in Türkei

In der Türkei kosten die Proteste gegen die türkische Untätigkeit im Kampf um Kobanê immer mehr Menschen das Leben. Inzwischen seien bei Zusammenstößen vor allem im kurdisch geprägten Südosten des Landes 31 Menschen getötet worden, sagte Innenminister Efkan Ala in Ankara nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu. Zusätzlich seien am Donnerstag zwei Polizisten in Ostanatolien erschossen worden. 360 Menschen seien verletzt worden, darunter 139 Polizisten.

In 35 der 81 türkischen Provinzen sei es seit Dienstag zu Ausschreitungen gekommen. Die Türkei hat an ihrer Südgrenze Panzerverbände in Schuss- und Sichtweite von Kobanê stationiert, ist aber nicht bereit, allein mit Bodentruppen gegen die IS vorzugehen.

Nach US-Angaben ist die Türkei aber bereit, die gemäßigte Opposition in Syrien auszubilden und auszurüsten. Kommende Woche werde ein Team des US-Militärs nach Ankara reisen, um das Vorhaben zu beraten, sagte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Marie Harf, am Freitag in Washington. Die Türkei sei willens, die Bemühungen zu unterstützen.

Die internationale Militärkoalition gegen die Terrormiliz IS kommt am Dienstag zu Beratungen in Washington zusammen. Die mehr als 20 Militärchefs wollen bei dem Treffen über die bisherigen Erfolge der Luftangriffe auf IS-Stellungen diskutieren, wie ein Vertreter der US-Armee am Freitag sagte.

Aktivist: Luftschläge allein reichen nicht

Die Luftschläge der internationalen Allianz gegen die IS allein würden nicht ausreichen, um den Fall von Kobanê zu verhindern, meint Idris Naasan, "Außenminister" der gleichnamigen autonomen Region. Im Interview mit der "Presse" räumt er zwar ein: "Seit zwei Tagen bombardiert die Koalition zum ersten Mal intensiv und effektiv." Mittlerweile gäben die Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungskräfte (YPG) Zielkoordinaten durch, die dann bombardiert würden. Allerdings sei der Fall der Stadt ohne neue Waffen unvermeidlich: "Wenn wir Waffenhilfe bekommen, dann können wir die Stadt problemlos halten und die IS sogar vertreiben", meint Naasan in der "Presse". Man habe Lieferungen gefordert, "aber bisher nichts erhalten, und es sind keine in Aussicht gestellt."

Weitere Hinrichtungen

Die IS-Terrormiliz hat nach Angaben von Angehörigen einen irakischen Journalisten und drei weitere Zivilisten im Irak getötet. Ein 37-jähriger Kameramann, sein Bruder und zwei weitere Menschen seien in einem Dorf nördlich von Bagdad öffentlich hingerichtet worden, erklärte die Familie des Journalisten. Der Kameramann arbeitete den Angaben zufolge für einen lokalen TV-Sender und war laut der Organisation Reporter ohne Grenzen am 7. September von IS-Kämpfern entführt worden.

In anderen Teilen des Nordiraks richteten die IS-Kämpfer nach übereinstimmenden Angaben von Augenzeugen und Sicherheitskräften weitere neun Menschen hin. Allein auf dem Marktplatz der Ortschaft As-Sab wurden demnach am Freitag sechs Dorfbewohner aus der Region exekutiert, die beschuldigt wurden, sich an der Vorbereitung eines sunnitischen Aufstands gegen den IS beteiligt zu haben.

Nicht nur im Norden Syriens, auch im Westen des Irak trotzt die IS den Luftangriffen der US-geführten Allianz und setzt die Regierungstruppen unter Druck. Die Lage in der Provinz Anbar sei "gefährlich", sagte ein ranghoher Vertreter des US-Verteidigungsministeriums am Freitag in Washington. (APA/red, derStandard.at, 10./11.10.2014)

  • Explosion in Kobanê.
    foto: apa/epa/bozoglu

    Explosion in Kobanê.

  • Heftige Kämpfe im Zentrum Kobanês.
    foto: ap photo/lefteris pitarakis

    Heftige Kämpfe im Zentrum Kobanês.

  • Rauchschwaden über der Stadt.

    Rauchschwaden über der Stadt.

  • An der türkisch-syrischen Grenze wird für die kurdischen Kämpfer gebetet.
    foto: apa/epa/bozoglu

    An der türkisch-syrischen Grenze wird für die kurdischen Kämpfer gebetet.

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