Führung hat viel aufzuholen

11. Oktober 2014, 16:31
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Welche Herausforderungen die vernetzte Welt und neue Ansprüche der Belegschaft für Unternehmen gebracht haben, wo es knackt und nicht zusammenpasst: offene Worte von Personalverantwortlichen und Personalberatern

Wir sollen die Möglichkeit schaffen, dass Arbeit und private Ziele - etwa eine Platte zu produzieren oder Balletttanzen - vereinbar sind. So beschreibt Silvia Buchinger, die Personalchefin der Telekom-Austria-Gruppe, das, was ihr junger Mentor für seine Generation an sie heranträgt. Dieses Reverse-Mentoring (jung= Mentor, älter=Mentee) sei sehr spannend für viele organisatorische Fragen. Und woran scheitert die Erfüllung der neuen Ansprüche? Arbeitsrechtliche Vorgaben aber auch eine Unternehmenskultur, die daran (noch) nicht gewöhnt sei, lautet die Antwort. Aber auch: "Wir haben noch Führungskräfte, die sich nicht sicher sind, was passiert, wenn sie ihre Leute nicht um sich herum anwesend sehen."

"Solange der langgedienteste Verkäufer oder der beste Experte die Filiale oder den Shop führt, funktioniert es nicht", sind sich Eva Planötscher-Stroh (Personalchefin bei Ströck-Brot) und Buchinger einig.

Die Diskussion um neue Ansprüche neuer Generationen im Job mündete beim Personalkongress der ARS diese Woche in Wien also schnell wieder in Führungsfragen.

Vertrauen & Performance

Ursula Vogler, bis vor kurzem HR-Leiterin bei der KPMG: "Früher sind die Leute ins Büro gegangen und waren dort, bis die Arbeit getan war." Das sei nun nicht mehr so, es kämen Leute von der Uni und wollten lediglich Teilzeit einsteigen. Oder sie gingen nach einem Jahr, um den Master zu machen. Dass das versprochene Vertrauen an Glaubwürdigkeit einbüße, wenn in Unternehmen Websites oder ganze Zugänge offiziell gesperrt sind, gesteht sie zu.

Da spiele auch die Performance-Messung auf dutzenden Seiten hinein, so Günther Tengel, geschäftsführender Gesellschafter von Amrop Jenewein: Das bedeute ja eigentlich Misstrauen gegenüber Arbeitnehmern und: "Die junge Generation hat auch andere Performance-Vorstellungen, als diese Messungen vorgeben." Dass mit der neuen Generation Y die große Offenheit in Konzerne eingezogen ist, darf also bezweifelt werden: Vieles, was nach außen gesagt werde, sei innen rigid anders umgesetzt.

Tatsache, so Tengel: Viele Führungskräfte wollten gar nicht führen - ob sie es können, sei da noch gar kein Thema. Aber: Da wir in einer Gesellschaft leben, die Führung am besten bezahlt, werde zur Beförderung nicht Nein gesagt. Führung passiere dann, wenn sonst nichts mehr ansteht - also quasi eh nie, "eine groteske Situation".

Der Mut "Nein" zu sagen

Ob da nicht HR und Personalentwicklung in die Pflicht zu nehmen seien? "Ja, aber zuzugeben, dass ich etwas nicht kann, braucht Mut", so Vogler. Und dieser, darin ist sich die Podiumsrunde einig, werde Menschen in Großunternehmen großteils ausgetrieben.

Margareta Holz, Partnerin der Deloitte Human Capital, hat eine gute Nachricht: Die sogenannten Lücken im Lebenslauf seien jetzt nicht mehr automatisch negativ bewertet - da kommen wieder die Unternehmenskultur und die Führung ins Spiel. Die Wirklichkeiten, so Holz, seien sehr facettenreich. Dass Junge andere Möglichkeiten fordern, sei jedoch angekommen - das Wie der Ermöglichung zeige sich derzeit noch sehr heterogen. "Es ist ja auch ein Unterschied, ob wir von Wissensarbeitern oder von Menschen reden, die vor Ort zu gewissen Öffnungszeiten präsent sein müssen."

Vom Thema Führung ist aber bei den "Herausforderungen" nicht wegzukommen: In den 76 Filialen von Ströck (in einer Niedriglohnbranche) gehe es um Basales, so Planötscher-Stroh: Die Menschen wollten berechenbare Bezahlung und einen guten Kontakt zur Filialleitung. Daran werde zurzeit gearbeitet, denn: "Es ist nicht so, dass die Kultur der Zentrale automatisch in den Filialen ankommt." (Karin Bauer, DER STANDARD, 11./12.10.2014)

  • Die Wirklichkeiten und die Ansprüche der Belegschaften haben die  Führungskompetenz in Unternehmen offenbar links überholt. Auf dem Podium  der ARS in Wien: Moderatorin Karin Bauer mit Eva Planötscher-Stroh  (Ströck), Margareta Holz (Deloitte), Günther Tengel (Amrop Jenewein,  Silvia Buchinger (Telekom Austria Gruppe) und Ursula Vogler (in  Bildungskarenz und davor KPMG).
    foto: andy urban

    Die Wirklichkeiten und die Ansprüche der Belegschaften haben die Führungskompetenz in Unternehmen offenbar links überholt. Auf dem Podium der ARS in Wien: Moderatorin Karin Bauer mit Eva Planötscher-Stroh (Ströck), Margareta Holz (Deloitte), Günther Tengel (Amrop Jenewein, Silvia Buchinger (Telekom Austria Gruppe) und Ursula Vogler (in Bildungskarenz und davor KPMG).

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