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13. Oktober 2014, 12:48

Es gibt viele Wahrheiten über die Mittelschicht: Sie schrumpft. Nein, das kann man so nicht sagen. Sie trägt den Staat (auch finanziell) und wird daher von allen Parteien umschmeichelt und verwöhnt. Aber sie ist ökonomisch unter Druck. Und größere Teile der Mittelschicht fühlen sich vom Staat und den Interessenverbänden nicht vertreten.

Viele sind von Abstiegsängsten geplagt. Ihre beruflichen Voraussetzungen - Arbeitsplatzsicherheit, Jobqualität, Leistungsdruck - verändern sich zum Schlechteren. Das kann ein objektives Faktum sein, ist oft aber auch nur ein subjektiver Eindruck.

Abstiegsängste und Ressentiments.

Teile der Mittelschicht (vorwiegend die unteren) reagieren darauf mit heftigen Ressentiments gegen die da oben, die gefühlt oder tatsächlich Reichen, gegen die politische Klasse insgesamt - aber auch gegen die da unten, die angeblichen Sozialschmarotzer, vor allem aber gegen die wachsende Zahl der Fremden, der Migranten. Viele (vor allem der unteren Mittelschicht) wählen daher extremistische oder populistische Parteien.

Dabei könnte man die Mittelschicht mit gutem Grund als den wichtigsten Träger der Demokratie bezeichnen. Denn, so die Überlegung, die ganz Reichen ganz oben setzen sich schon durch; die ganz unten haben alle Hände voll mit dem Überleben zu tun. Nur die Mittelschicht, die zum materiellen Aufstieg auch politische Mitsprache will, engagiert sich wirklich im politischen Leben.

Übrigens: Was ist überhaupt die Mittelschicht?

Wenn man die Österreicher fragt, ist das ganz einfach: Sie betrachten sich selbst zu 65 Prozent zur Mittelschicht gehörig. Niemand will reich oder arm sein. Das stimmt überhaupt nicht überein mit der klassischen, sogar altmodischen Vorstellung von Mittelschicht. Nämlich ein gehobenes Bürgertum, gebildet, nicht reich, aber wohlsituiert.

Pardon, aber das ist so was von retro! Die heute übliche Definition von Mittelschicht richtet sich nach dem Haushaltseinkommen. Sie verläuft in einem Einkommensband von 1090 Euro netto monatlich bis 2347 Euro netto. Das ist die Mittelschicht: 57 Prozent der Haushalte.

Kleine Anmerkung: Die untere Grenze dieser Definition ist nicht weit von der statistischen Armutsgrenze entfernt.

Die Definition wird vom Wirtschaftsforschungsinstitut verwendet und lautet genau: Die Mittelschicht verläuft in einer Bandbreite von 70 bis 150 Prozent des Medians des Netto-Haushalts-Äquivalenzeinkommens. Das bedeutet jedenfalls ein Einkommensband von netto 15.265 Euro jährlich (oder 1090 Euro monatlich zwölfmal) bis 32.711 Euro jährlich (2347 monatlich).

Politische Parteien definieren das meist viel schwammiger. ÖVP: wer Lohn- und Einkommensteuer zahlt, bis zum Spitzensteuersatz. SPÖ: alle Einkommen unter 4000 Euro/Monat. FPÖ: wer nicht dem obersten und dem untersten Einkommensviertel angehört. Neos: alle, die vom Erwerbseinkommen leben müssen. Grüne: Definition wie Wifo.

Fünf Millionen Mittelschicht.

Aber jedenfalls sind es sehr viele, rund fünf Millionen.

Die Wirtschaftskammer fährt zurzeit eine Kampagne für den "Mittelstand", der "unter Druck ist wie nie". Darunter sind aber durchwegs Selbstständige zu verstehen: Mittel-, Klein-und Kleinstbetriebe. Allerdings zählen da auch die Einpersonenunternehmen (EPUs) dazu, und die haben sich in den letzten Jahren rasant auf rund 250.000 vermehrt. Viele davon sind Junge, die keine Anstellung wollen (oder kriegen), und Ältere, die man abgebaut hat. Der Boom an EPUs ist sicher auch ein Indiz für Veränderungen in der Mittelschicht.

Relative Verschlechterung

Wenn man grosso modo bei der Wifo-Definition bleibt, dann stellt sich die entscheidende Frage: Wie ist es der Mittelschicht denn zuletzt so ergangen? Dazu gibt es relativ wenig belastbares Datenmaterial, viel Interpretation und noch viel mehr subjektive anekdotische Beweise.

derstandard.at/von usslar
Was ist das eigentlich, die Mittelschicht?

Jeder Mittelschichtangehörige in Österreich hat das Gefühl, dass a) die Einkommen stagnieren, b) wegen der hohen Steuern nichts übrigbleibt c) alles teurer wird und d) vor allem für Jüngere und Ältere schwer gute Jobs zu kriegen sind. Wenn man an einem Spätsommernachmittag mit einem ausländischen Gast durch die Wiener Innenstadt geht und der staunend die vollen Straßenlokale und die entspannten jungen Leute kommentiert, scheint das irgendwie falsch. Aber es gibt Hinweise auf eine relative Verschlechterung der Mittelschichtsituation.

Die OECD hat im Frühjahr eine Studie (Making Inclusive Growth Happen), wonach der Anteil der drei mittleren Fünftel am Haushaltseinkommen (fünf Millionen Menschen) seit Mitte der 1990er-Jahre in Österreich geschrumpft ist (siehe Grafik unten). Thomas Leoni, der sich im Wifo mit Einkommensfragen beschäftigt, verweist darauf, dass erstens seit Mitte der Neunzigerjahre die steuerliche Belastung des Faktors Arbeit stark gestiegen ist und zweitens die kalte Progression viel von Einkommenszuwächsen wegfrisst. Trotz realen Nullwachstums der Einkommen rutschen viele in eine höhere Steuerklasse. Österreich ist überdies ein teures Land. Die Inflationsrate (1,7 Prozent) ist unter den höchsten in Europa.

Ein weiteres Moment: In Österreich sind langfristig die hohen Einkommen den mittleren und niedrigen davongezogen. Laut Wifo ist der Anteil im letzten Fünftel der Haushaltseinkommen seit 1995 im Schnitt um 32 Prozent (doppelt so viel wie der Rest) gewachsen.

Ulrich Schuh vom Thinktank Eco Austria: "Viele Menschen werden statistisch deswegen nicht reicher, weil viel mehr Teilzeit gearbeitet wird." Eines zeigt aber jede Umfrage: Die Mittelschicht ist mürrisch. Man glaubt nicht mehr so recht an Aufstiegschancen für sich und/oder die Kinder, man ist wütend auf Politiker, die Milliarden an die Banken geben, und stellt sich die Frage, warum die alte Sicherheit plötzlich weg ist.

Schuh sagt, die klassische Entwicklung der 70er- und 80er-Jahre - Heirat, Haus, Kind, Hund - gebe es heute nicht mehr.

Was ist die Mittelschicht? - Die übliche Definition: 70 bis 150 Prozent des Medians der Netto-Äquivalenz-Haushaltseinkommen. Der Median ist aussagefähiger als der Durchschnitt, bedeutet, 50 Prozent haben mehr, 50 Prozent weniger. Das Netto-Haushaltseinkommen enthält Erwerbseinkommen, Kapitalerträge, Pensionen minus Steuern und Abgaben plus Sozialtransfers. Letztere machen in Österreich einen hohen Teil der Einkommen aus, vor allem in Haushalten (Kindergeld). Das Bild ist dadurch realistischer. Dieses "verfügbare Netto-Haushaltseinkom-men" wird dann noch für die Statistik "äquivalisiert", das heißt, nach Erwachsenen und Kindern gewichtet.

Es gibt den Begriff des Prekariats: meist junge, gut ausgebildete Leute, die sich von Kurzfristjob zu Teilzeitbeschäftigung hangeln. Der deutsche Soziologe Berthold Vogel sagte kürzlich in einem STANDARD-Interview: Am unteren Rand der Mittelschicht, wo man vom Facharbeiter in gehobene Positionen kommt, herrsche die Sorge vor, abzurutschen. Überall dort, wo früher solide Beschäftigungsverhältnisse geherrscht hätten, bei den Banken, im öffentlichen Dienst, in der Industrie, sei es prekärer geworden, mit Leiharbeit, befristeten Dienstverhältnissen, neuen Selbstständigen - und mit Sparprogrammen und "Synergie"-Projekten.

Das Problem für die Politik ist, dass sie da nicht allzu viel tun kann. "Arbeitsplätze schaffen" ist längst ein leerer Slogan, im Staatsdienst ist kein Platz mehr. Es bleibt eine dringend notwendige Steuersenkung, die die Regierung jetzt versucht, ohne wirklich eine Gegenfinanzierung zu haben; und punktuelle Wahlgeschenke wie Zuschüsse für Zahnspangen.

"Konflikte sind in der Mitte"

Allerdings gibt es noch die Umverteilung, die nach wie vor sehr stark ausgleicht. Nach einer (schon einige Jahre alten, aber tendenziell gültigen) Wifo-Studie entfallen auf das untere Drittel der Nichtselbstständigen-Haushalte 14 Prozent der Einkommen, aber 43,5 Prozent der Transferzahlungen - die 84 Prozent der Markteinkommen ausmachen (!). Auf das mittlere Drittel entfallen 29 Prozent der Einkommen und 31,5 Prozent der Transfers, auf das obere Drittel 57 Prozent der Einkommen und 25 Prozent der Transfers (siehe Grafik).

Oder anders herum: Im Durchschnitt machen die Sozialtransfers immerhin 27 Prozent der Bruttomarkteinkommen aus (Guger: Umverteilung durch den Staat, 2009). Das ist übrigens das Geheimnis der ziemlich gleichmäßigen Einkommensverteilung in Österreich.

Und dann gibt es das große, noch kaum diskutierte Problem der Ungleichheit innerhalb der Mittelschicht. In gleichartigen Betrieben und Behörden, zum Teil sogar in denselben, sitzen Menschen nebeneinander, die ganz ähnliche Tätigkeiten ausüben, aber unterschiedlich bezahlt werden und unterschiedliche Pensions- und sonstige Benefitregeln haben.

"Die Konflikte um die Mitte spielen sich in der Mitte der Gesellschaft ab."

Die einen haben noch "alte", sehr kommode Verträge und Bedingungen, die anderen, meist Jüngeren, gehören schon fast zum Prekariat. Landesbeamte in Kärnten und Wien haben nach wie vor viel bessere Pensionsbedingungen als in den restlichen Bundesländern. Mitarbeiter von staatsnahen Institutionen wie etwa den Sozialversicherungen oder den E-Versorgern oder auch dem ORF haben Zusatzpensionen, von denen andere ASVGler nur träumen können. Vogel: "Da geht es nicht mehr um die da oben und die da unten, die Konflikte um die Mitte spielen sich in der Mitte der Gesellschaft ab."

Es gibt die gut Organisierten, die in Gewerkschaften und Verbänden Verankerten, die ihre Errungenschaften mit der Macht ihres Lobbyismus verteidigen können; dann gibt es aber auch die Alleingelassenen, darunter viele neue Selbstständige und Jüngere.

Gut möglich, dass der Unterschied zwischen geschützten und ungeschützten Sektoren bzw.die Existenz von ungleichen Verhältnissen innerhalb gleicher Arbeitssituationen das wahre "Gerechtigkeits- und Umverteilungs"-Thema im Österreich der kommenden Jahre wird.

(Text: Hans Rauscher, Grafik: Fatih Aydogdu, Illustration: Claudia Meitert, Video: Maria von Usslar, Produktion: Sebastian Pumberger, derStandard.at, 13.10.2014)