Ebola: Panik in den USA, Hilferufe aus Afrika

9. Oktober 2014, 19:51
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Während afrikanische Staatschefs wegen der Ausbreitung von Ebola um Hilfe rufen, geht in den USA vor allem die Angst davor um. Am Samstag beginnen schärfere Kontrollen Reisender, die EU könnte nachziehen

Washington/New York - Es war ein Alarm zur Mittagsstunde. Die texanischen TV-Sender unterbrachen ihr laufendes Programm, um Bilder eines auf einem Highway dahinrasenden Krankenwagens zu zeigen. Michael M., ein Hilfssheriff aus der Kleinstadt Frisco, wurde mit Blaulicht in eine Klinik gefahren, die Szene live von einem Hubschrauber aus gefilmt.

M. war mit Bauchschmerzen aufgewacht, Tage zuvor hatte er mit einem Polizistentrupp ein bescheidenes Appartement im Norden von Dallas betreten, die Wohnung Louise T.s, der Verlobten des verstorbenen, aus Liberia stammenden Ebola-Patienten Thomas D. Für den Arzt, bei dem der Ordnungshüter vorsprach, Grund genug, einen Krankenwagen zu rufen. Und Tom Frieden, Direktor der Seuchenschutzbehörde CDC, versuchte einmal mehr, die Wogen der Aufregung zu glätten.

Besser alarmierte Öffentlichkeit als Nachlässigkeit

Der Hilfssheriff lasse keine Symptome erkennen. "Gerüchte werden kursieren, die Leute werden sich Sorgen machen, und so sollte es auch sein", fügte Frieden hinzu. Besser eine alarmierte Öffentlichkeit als sorglose Nachlässigkeit, meinte er.

Fünf große US-Flughäfen verschärfen die Kontrollen für Passagiere aus Guinea, Liberia und Sierra Leone. Mediziner werden die Körpertemperatur der Einreisenden messen, nach Ebola-Anzeichen suchen und Verdächtige in eigens darauf vorbereitete Spitäler bringen. Den Anfang macht der New Yorker John-F.-Kennedy-Airport am Samstag, am Montag folgen Atlanta, Chicago, Newark und Washington. Skeptiker geben zu bedenken, dass Ebola-Symptome meist erst acht bis zehn Tage nach der Ansteckung erkennbar sind, was die Wirksamkeit der Kontrollen infrage stellt.

Briten kontrollieren Flugpassagiere

Großbritannien führt an den Londoner Flughäfen Heathrow und Gatwick sowie am Terminal für Reisende mit dem Eurostar aus Frankreich Ebola-Kontrollen ein. Das gab die Regierung am Donnerstag in London bekannt.

Das Screening betreffe jedoch nur Reisende, die aus von dem tödlichen Virus betroffenen Ländern wie Liberia und Sierra Leone kommen. Die Passagiere sollen nach ihren Reisedaten und Kontakten sowie nach weiteren Reiseplänen befragt werden.

Ein britischer Staatsbürger mit Verdacht auf Ebola verstarb am Donnerstag in Mazedonien. Bei einem Landsmann seien zudem Symptome der Seuche aufgetreten, hieß es am Donnerstag.

708 Personen in Serbien unter Quarantäne

Das serbische Gesundheitsministerium teilte am Donnerstagnachmittag mit, dass in Serbien aus Sicherheitsgründen bisher 708 Personen in Quarantäne gestellt worden seien.

92 von ihnen seien nach Serbien aus den von Ebola betroffenen Regionen eingereist und wurden aus Sicherheitsgründen unter Beobachtung gestellt. Angaben zu den Zeiträumen, in denen die Personen isoliert wurden, lagen zuerst nicht vor.

EU erwägt auch Kontrollen

Auch die EU erwägt verschärfte Kontrollen an Flughäfen für Reisende aus Westafrika, wie ein Sprecher der EU-Kommission am Donnerstag in Brüssel sagte. Darüber werde man bei der Ratssitzung der EU-Gesundheitsminister nächste Woche sprechen. Der Zustand sowohl des Ebola-Patienten in Leipzig als auch der daran erkrankten Krankenschwester in Madrid war am Donnerstag kritisch.

So etwas wie einen Eisernen Vorhang zur Abwehr von Viren gebe es nun mal nicht, sagt denn auch William Schaffner, eine US-Koryphäe auf dem Gebiet der Tropenkrankheiten. Bestenfalls könne man mit den neuen Vorsichtsmaßnahmen erreichen, dass sich die Hysterie allmählich lege, weil die Leute sähen, dass etwas geschehe. "Und schon das lohnt sich, denn im Moment haben wir es mit einem heftigeren Ausbruch von Panik als von Ebola zu tun."

Experten für Infektionskrankheiten haben dieser Tage einen schweren Job, wenn sie die Öffentlichkeit sachlich über Ebola informieren wollen. In erster Linie kämpfen sie gegen die Medienindustrie. Auf dem TV-Sender Fox erklärt eine Moderatorin, die Menschen "aus diesen Ländern" würden in den USA kein Spital, sondern einen Heiler aufsuchen.

Strafe für Sklaverei

Auf die Spitze trieb es Radiomoderator Rush Limbaugh mit der kruden These, Obama interpretiere Ebola als "Strafe für Sklaverei" und unternehme daher wenig gegen eine Ausbreitung von Ebola auf weiße US-Bürger.

Auch der republikanische Senator aus Texas, Ted Cruz, nutzt die Gelegenheit, Obamas Politik schlechtzureden. Das Weiße Haus müsse erwägen, den Flugverkehr aus Westafrika einzustellen, verlangt der Republikaner.

Worauf Tom Frieden - de facto Koordinator der Ebola-Abwehr in den USA -, Einspruch einlegt. Das würde internationale Hilfe behindern. Als Paradebeispiel für überzogene Reaktionen führt Frieden die SARS-Epidemie von 2002 und 2003 ins Feld, deren ineffiziente Reiseauflagen 40 Milliarden Dollar weltweit gekostet hätten.

Unterdessen wird die Lage in den betroffenen Ländern immer dramatischer: Staatschefs betroffener Länder riefen am Donnerstag die Welt um Hilfe. Weltbank-Chef Jim Yong Kim sagte, es stehe "nichts Geringeres als die Zukunft Afrikas" auf dem Spiel. Der Kampf gegen das Virus sei "kläglich gescheitert". (rad, fh, juh, APA DER STANDARD, 10.10.2014)

  • Über den Abtransport eines vermeintlichen Ebola-Patienten  ins Texas Health Presbyterian Hospital in Dallas berichteten diverse TV-Sender  live. Sie unterbrachen dafür ihr Programm.
    foto: ap photo/the dallas morning news, louis deluca

    Über den Abtransport eines vermeintlichen Ebola-Patienten ins Texas Health Presbyterian Hospital in Dallas berichteten diverse TV-Sender live. Sie unterbrachen dafür ihr Programm.

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