Studie: "Onlinenews sind viel besser als ihr Ruf"

Interview9. Oktober 2014, 18:05
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Kommunikationswissenschafter Josef Seethaler untersucht an der Akademie der Wissenschaften für eine große Studie die Qualität österreichischer Medien

STANDARD: Sie analysieren und bewerten seit Jahresbeginn die Qualität der österreichischen Medien, ein Forschungsauftrag der Rundfunk- und Telekomregulierung RTR. Wie schlimm ist es denn bestellt - und um welche Medien?

Seethaler: Wir sind mitten in den Erhebungen, bisher ist eine sogenannte künstliche Woche von vier in diesem Jahr ausgewertet. Schon deshalb können wir keine Aussagen über einzelne der 31 untersuchten Zeitungen, Radio- und Fernsehsender und Onlinedienste treffen. Und rechnen Sie auch nicht mit Schulnoten für Titel und Stationen, wenn wir Anfang 2015 die Ergebnisse präsentieren können. Das Ziel ist, Diskussionen anzustoßen.

STANDARD: Bei der jüngsten Tagung der Rundfunkrechtler am Donnerstag haben Sie aber schon erste Ergebnisse präsentiert.

Seethaler: Wir können erste Trends aufzeigen über Mediengattungen, vorerst anhand von quantitativen Kriterien in den ersten rund 7000 codierten Beiträgen. Qualität ist ja quantitativ kaum messbar. Messen lässt sich aber etwa der Anteil von Hard News, also Politik, Wirtschaft, Kultur, wobei nicht reicht, dass ein Artikel auf der Seite "Politik" steht, um einberechnet zu werden - auch dort gibt es Soft News. Man kann feststellen, ob der Urheber des Artikels genannt wird. Und man kann quantitativ fassen, wie viele Quellen ausgewiesen und wie viele Akteure zitiert werden, als Indikator von Meinungsvielfalt.

STANDARD: In den kompletten Ausgaben und Sendungen?

Seethaler: In einem ersten Schritt nur die auf den Titelseiten und in den Sendungsteasern beziehungsweise in der ersten Bildschirmansicht von Onlinediensten aufscheinenden Storys - das sind aber jene, die Medien damit als wichtigste einordnen. Bei Kleinformaten beziehen wir auch Storys auf Seite zwei ein. In einem zweiten Schritt ziehen wir dann in den untersuchten Wochen mehr Inhalte und ganze Sendungen heran.

STANDARD: Und was schließen Sie aus der ersten Stichprobe mit dieser Titelseiten-Analyse? Die größeren österreichischen Medien werden ihrem Ruf gerecht - oder sind gar besser als ihr Ruf?

Seethaler: Wenn ich nur diese beiden Antwortmöglichkeiten habe: nach den quantitativen Kriterien besser als ihr Ruf. 70 Prozent der Aufmacherthemen über alle Medien sind zum Beispiel Hard News, und das ist gar nicht schlecht. Im Fernsehen ist der Anteil am höchsten, aber dicht gefolgt von den oft gescholtenen Onlinemedien. Die ersten Ergebnisse deuten darauf hin: Sie werden zu Unrecht gescholten. Onlinenews sind wirklich viel besser als ihr Ruf. Und man kann bei den hohen Reichweiten etwa von ORF.at oder derStandard.at nicht sagen, dass da am Publikumsinteresse vorbeipubliziert würde.

STANDARD: Beim Hard-News-Anteil liegt der öffentlich-rechtliche ORF vorne?

Seethaler: Die "Zeit im Bild" um 19.30 Uhr liegt hier definitiv weit voran, weit vor dem "Servus Journal" - und das wiederum liegt in diesen ersten Ergebnissen nach Hard News vor der "ZiB 20" in ORF 1. Aber Vorsicht: Eine künstliche Woche erlaubt auf Sendungsebene keine repräsentativen Aussagen.

STANDARD: Wer nennt die meisten Quellen und lässt die meisten Akteure zu Wort kommen?

Seethaler: Wiederum liegt das Fernsehen vorne, das liegt auch am Bildermedium, das Menschen zeigen muss, die etwas sagen. Aber bei den Quellen folgen fast gleichauf Onlinemedien - und da untersuchen wir mit orf.at, gmx.at, derStandard.at, oe24.at und krone.at nicht ausschließlich klassische Qualitätsmedien. Auch bei den zitierten Akteuren liegt Online auf Platz zwei nach dem Fernsehen, vor Zeitungen und Radio. Nur im vierten quantitativen Kriterium kehrt online eine Unsitte wieder, die Zeitungen langsam abgelegt haben: Urheber von Beiträgen werden im Fernsehen oft, in Zeitungen seltener und im Radio sowie Online sehr selten genannt.

STANDARD: Vermutlich schildern manche Medien ungern ihre Hauptquelle APA aus.

Seethaler: Aber diese Quelle lässt sich ja so einfach auch ohne das Kürzel nachvollziehen. Es ist ja auch nichts Schlimmes, einen guten APA-Bericht zu verwenden - aber für das Publikum sollte der Urheber ersichtlich sein.

STANDARD: Und mit diesen Kriterien messen Sie Qualität?

Seethaler: Nicht alleine: Wir haben auf der Basis internationaler Forschung einen Qualitätsindex vorgeschlagen und diskutieren ihn sehr intensiv mit Experten aus der Branche. Der Index basiert auf drei Bereichen. Ganz grob: 1) Wie wird ein Thema aufbereitet und so auf die öffentliche Agenda gesetzt, also betrifft es alle oder nur einzelne Personen, geht es um öffentliche oder private Belange, welche Zusammenhänge werden aufgezeigt? 2) Wie wird das aufgeworfene Thema mit Blick auf Konsequenzen und Entscheidungen verfolgt; werden mehrere Lösungsansätze präsentiert. Wer ist daran beteiligt - Entscheidungsträger, Akteure der Zivilgesellschaft etwa? Und 3) Wie wird ein Problem dargestellt - emotionsgeladen oder sachlich? Wertend oder unparteiisch gegenüber verschiedenen Positionen. Wird Hintergrundwissen dazu geliefert?

STANDARD: Ihr Befund nach der ersten ausgewerteten Woche über die wichtigsten Storys von Zeitungen und Sendungen?

Seethaler: Wiederum schneiden Onlinemedien bemerkenswert gut ab: In den Kritierien 1 und 2 liegt Online fast ex aequo mit dem Fernsehen vorne. Und bei 3, der Aufbereitung, ist Online vorne, vor Radio, Fernsehen und Print. Der Vorteil dieses dreidimensionalen Index ist es, dass er eine differenziertere Einschätzung erlaubt – also nicht Schulnoten verteilt … Wir werden sagen können, dass ein Medium in dieser oder einer anderen Funktion – in der Art der Themensetzung, in der Diskussion von Problemlösungsalternativen, im Bereitstellen eines Forums – besondere Stärken hat, während es andere Funktionen in geringerem Ausmaß erfüllt – und das hängt möglicherweise mit spezifischen Programmorientierungen, Infrastrukturen, Publikumserwartungen etc. zusammen.

STANDARD: Wie geht es nun weiter?

Seethaler: Wir werden 2015 die Ergebnisse für Österreich vorlegen. Dann folgt, wenn die Forschungsförderungsorganisationen mitspielen, eine große Vergleichsstudie der Medienqualitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. (Harald Fidler, DER STANDARD, 10.10.2014)

Josef Seethaler (Jahrgang 1956) ist Vizedirektor des Instituts für vergleichende Medienforschung der Akademie der Wissenschaften. Er referierte beim Rundfunkforum (rem.ac.at).

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