Eigener Chef sein: "Genieße mein Unternehmen"

10. Oktober 2014, 17:29
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Der Chef von "Vier Sinne", Emanuel Frass, blickt auf sechs Jahre als sein eigener Chef zurück - und fährt die Ernte ein

Wien - Ein Ausflug in die Finanzwelt hat Emanuel Frass (35) zu seinen Sinnen zurückgebracht. Konkret zu Vier Sinne, der Erlebniswelt im Dunkeln. Frass hat 2009 das Dinner in the Dark in Wien als tägliches Event eröffnet. Seit damals begleitet ihn der STANDARD auf seinem Weg als Jungunternehmer. "Anfangs habe ich geglaubt, ich richte die Räumlichkeiten ein, ein Student führt Gruppen durch das Programm, der Betrieb läuft von selbst und wirft auch noch viel Geld ab." Die unternehmerische Realität war eine andere.

Zu Beginn hieß es Tag und Nacht arbeiten, aber die Idee habe motiviert, der Alltag sei eine Herausforderung gewesen, die Spaß gemacht habe. "Dann kam die Zeit, in der der hektische Alltag zur Routine wurde und sich erste Erschöpfung breitmachte", sagt Frass. Weil das Konzept eines Essens in völliger Dunkelheit, bei dem neben der Geschicklichkeit auch alle anderen Sinne gefordert werden, "von Anfang an aufgegangen ist", hat Frass sich seine Motivation erhalten.

Holprigkeiten überstanden

"Ständige Verbesserungen des Angebots, erste Erfahrungen mit Finanzprüfern, ein wachsendes Team mit steigenden Kosten - das hat mich damals geprägt", sagt Frass im Rückblick. Schnell war klar, dass man eine neue Location braucht, um die Erlebniswelt zu verfeinern. Auch das Angebot wurde erweitert. Neben Essen im Dunkeln erweitern Firmenfeiern und Teambuildingseminare das Programm.

Als nach vier Jahren klar war, dass Vier Sinne die ersten Holprigkeiten überstanden hat und auch am neuen Standort läuft, dachte Frass, er sei am Ziel und könne sich nun mehr und mehr zurückziehen. Zu dieser Zeit heuerte ihn ein Strukturvertrieb an, und er baute sich mit dem Verkauf von Sachwertbeteiligungen ein zweites Standbein auf. "Das Gefühl, in einem System zu sein und nicht mehr allein das gesamte Risiko zu tragen, hat mich magisch angezogen", sagt Frass.

Seminar im Dunkeln

Eineinhalb Jahre schaffte er den Spagat, beide Jobs zu machen. Irgendwann wurde die Belastung zu groß. Die Verlockung, Vier Sinne aufzugeben, sei groß gewesen, denn Mitarbeiter und nicht Chef zu sein, habe seine Vorteile. Bei einem Seminar für den Strukturvertrieb habe er erkannt, dass er in diesem Job wohl viel Geld verdienen würde, aber die Arbeitsbelastung nicht weniger, sondern mehr würde. Das habe ihn stutzig gemacht.

Denn mit Mitte 30 stelle sich auch die Frage der Work-Life-Balance. Die Augen wurden Frass ausgerechnet im Dunkelraum geöffnet, als er bei einem neuen Seminar, das Vier Sinne anbot, mitgemacht hat. "Im Schutz der Dunkelheit bin ich wieder bei mir ankommen", sagt Frass. Plötzlich habe er sich gefragt, was er da überhaupt tue, und so habe er sich wieder für sein Unternehmen entschieden.

Viel Eigenverantwortung

Das Risiko zu tragen, sei heute "normal" geworden. "Ich habe etwas erreicht", sagt Frass. Die Gründungsphase sei nach sechs Jahren abgeschlossen, die Umsatzzahlen stabil, zehn Angestellte umfasst das Team, 10.000 Besucher werden pro Jahr gezählt.

"Heute genieße ich mein Unternehmen", sagt Frass. Seine Person sei im täglichen Ablauf nun weniger gefragt. Die Mitarbeiter hätten von Beginn an mit sehr viel Eigenverantwortung gearbeitet, daher reiche es heute, wenn er ab und zu nach dem Rechten sehe. "Nicht alles selbst machen zu müssen, war für mich die große Lektion." In manchen Bereichen habe Frass den Rat von Beratern geholt. Den Bereich Controlling gibt er aber nicht aus der Hand. "Ich bin als Führungskraft da, halte das Team zusammen, schaffe den Rahmen und bin Anlaufstelle. Ich muss aber nicht mehr ständig da sein, damit der Laden läuft."

Special zu Jahresausklang

Die aktuelle Phase beschreibt der Jungunternehmer als Erntezeit. "Heute muss ich nur noch halb so viel arbeiten, verdiene aber dreimal so viel." Die Mühen hätten sich gelohnt. Heuer hat Frass sich vorgenommen, nur ein halbes Jahr zu arbeiten und den Rest zu reisen. Das Kitesurfen ist zum Ausgleich geworden. "Bei dem Sport bin ich in Balance zwischen Wasser und Wind."

Die Entwicklung von Vier Sinne soll aber weitergehen. Denn obwohl die Konkurrenz von Angeboten in der Dunkelheit klein ist, wächst diese in der Erlebnisgastronomie mit Events wie Palazzo oder Dinner and Crime. "Es geht de facto um Marktanteile", sagt Frass. Und diese will er weiter ausbauen. Geplant sind nun weitere Standorte von Vier Sinne - auch außerhalb Österreichs. Auch ein Silvester-Special wird es heuer zum ersten Mal geben. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 10.10.2014)

  • "Nicht alles selbst machen zu müssen, war für mich die große Lektion."
    foto: corbis, ho

    "Nicht alles selbst machen zu müssen, war für mich die große Lektion."

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